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tazzwei, 2. Juni 2008

, 2. April 2015

“Du kommst immer, immer zurück!”

Reisejounalist und Autor Helge Timmerberg ist für sein neues Buch in 80 Tagen um die Welt gereist. Im Gespräch erzählt er von der Einsamkeit beim Reisen, seiner neuen Liebe zu Europa – und warum man sich im Leben nicht alle Träume erfüllen sollte

Interview Timo Nowack

taz: Herr Timmerberg, ihr neues Buch heißt “In 80 Tagen um die Welt”. Sehen Sie sich als moderner Jules Verne?
Helge Timmerberg: der neue Jules Verne wäre ich, wenn ich nie losgefahren wäre. Das habe ich mir auch mal überlegt, ob ich mich irgendwo hinsetze und einfach fantasiere. Aber dann bin ich doch losgefahren.

Wo waren sie überall?

Ich war in Berlin, München, Venedig, Triest, Brindisi, Kreta, Kairo, Bombay, Bangkok, Hongkong, Schanghai, Tokio, Mexiko City, Havanna und Dublin. Die einzige Vorgabe war, innerhalb der 80 Tage zu bleiben und mehr oder weniger an der Route von Jules Verne zu kleben. In Bangkok bin ich zwei Wochen hängen geblieben, in Hongkong war ich dafür nur eine Nacht.

Sie reisen seit 30 Jahren und kannten die meisten Ihre Ziele bereits. Was war spannend daran, jetzt einmal den Schnelldurchgang zu machen?

Spannend waren die Brüche. Zum Beispiel war Mexiko City die Station nach einer Woche Tokio – das ist kulturell ein unglaublicher Unterschied. Als die Kellnerin mir in Mexiko beim Frühstück Kaffee und Bohnen brachte, legte sie mir ihre Hand auf die Schulter – da haben sich meine Härchen hochgestellt. In Tokio würde dir das nie passieren, bei der Distanz, die die Asiaten draufhaben. Immer freundlich, immer lächeln, aber komplette Distanz.

Was gab es noch für entscheidende Unterschiede?

In Mexiko City ist extrem viel Geschichte und Leben in den Mauern. Jeder Hund, der da an die Wand gepisst hat, hat eine Verfärbung hinterlassen. In Tokio oder Schanghai bauen sie nur neu und reiße alles Alte ab. Da sind keine Geschichten mehr in den Städten selbst. Und egal, mit wem du in Asien sprichst, es geht nach kürzester Zeit nur um Geld und Business. In Japan hatte ich wirklich Schwierigkeiten, zu erkennen, wo die Seele des Japaners ist. Da habe ich mich dann auf die Suche nach den Samurai gemacht.

Haben Sie sie gefunden?

Ja, in einer Kneipe. Erst mal habe ich es in Tokio zwei, drei Tage lang gehasst. Auf der Straße guckt dir keiner in die Augen, dafür gibt es in den Cybershops Duschen, und jeder sitzt in seinem schwarzen Kasten und ist irgendwo auf Porno unterwegs. Da habe ich mich so einsam gefühlt wie selten. Bis ich es ins Positive umgedreht habe: Hier konnte ich alleine sein. Denn auf einer so langen Reise ist deine Herausforderung das Alleinsein. Besonders in Ländern wie Marokko oder Indien, wo die Menschen eingebunden sind in ihre Großfamilien, komme ich mir oft vor wie der letzte Dreck. Aber in Japan dachte ich nach ein paar Tagen: Hier kann ich alleine sein, hier ist jeder alleine, hier gehöre ich dazu.

Und wo waren die Samurai?

Ich kam in eine Bar, da saßen supereinsame Gestalten. Es war eine sehr gute Bar: Edelhölzer, Leder, sanftes Licht. Die Gäste saßen aufgereiht an der Theke, alle ganz aufrecht, starr geradeaus, keiner sagte einen Ton. Der Barkeeper schob dir deinen Drink, ein Glas Wasser und den Aschenbecher so hin, dass alles stand wie auf einer Linie. Die Abstände zwischen den einzelnen Objekten waren genau gleich. Da merkte ich, dass alle an der Bar beim Trinken ständig bemüht waren, die Harmonie herzustellen in diesem Dreierding. Auch ich saß vor meinem Rum, Wasser und Aschenbecher und guckte, dass alles richtig stand. Du trinkst also und driftest ab, aber im Zentrum dieser Einsamkeit machst du Zen-Dreiklänge. Da dachte ich: Die sind alle unglücklich hier, aber schau dir an, wie die sitzen! Keiner jammert, die gucken dem Unglück gerade ins Auge – das sind die Samurai.

Was war der schönste Moment für Sie auf der Reise?

Ich saß einen Nacht lang auf meinem Hotelbalkon in Mexiko City und habe nur auf die Straße geguckt, weil ich nicht schlafen konnte – da habe ich mich gefühlt, als wäre ich in Schokoladenpudding gefallen. Mexiko City war sowieso eine riesige Überraschung. Ich habe seit ein paar Jahren das Gefühl, dass ein Ball über den Planeten fliegt, irgendwo runterkommt und das wird dann gespielt. Mitte der Achzigerjahre war das Bangkok und in Europa Barcelona. Jetzt ist es Mexiko City. Die Stadt hat eine besondere positive und hoffnungsfrohe Energie: Die Leute glauben an die Zukunft, in die Stadt fließt plötzlich Geld. An der Atmosphäre auf den Straßen und in den Clubs spürst du, dass die Stadt vibriert.

Angenommen, jemand hat nicht 80 Tage, sondern nur Zeit für einen Kurzurlaub. Welches Reiseziel würden Sie empfehlen? Mexico City?

Ja, aber nur, wenn derjenige Großstädte mag. Denn die Luft dort ist extrem schlecht, die Kriminalität extrem hoch. Es ist eine sehr gefährliche Stadt, die aber ein Wahnsinnsleben in sich hat. Und wer ans Meer will, kann in drei Stunden mit dem Bus nach Acapulco fahren.

Von welchem Ort würden Sie als Urlaubsziel abraten?

Von HongKong, da kannst du nur einkaufen. Und von Kuba war ich extrem enttäuscht. Havanna ist tot. Ich habe Mitte der Neunziger zwei Jahre dort gelebt, und da war eine unglaubliche Stimmung. Jede Woche gab es zwei oder drei Salsa-Partys – das waren die größten Feiern, die ich je erlebt habe. Als ich jetzt da war, hörtest du überhaupt kein Salsa mehr, die Kubaner haben gar nicht mehr getanzt. Aber es waren die letzten Minuten: Als ich weg war, ist Fidel Castro zurückgetreten, und sein Bruder Raul hat sofort Reformen angekündigt. Ich glaube zwar nicht, dass sich seitdem schon viel geändert hat. Aber vielleicht kann man in einem Jahr wieder nach Kuba.

Mit 17 Jahren sind Sie von Bielefeld nach Indien getrampt, und seitdem reisen Sie. Jetzt haben Sie auch noch die Welt umrundet. Erschöpft sich das irgendwann?

Ja, aber nicht wegen der Weltreise, sondern weil ich seit 30 jahren unterwegs bin. Das ist auch ein Thema des Buches: Die Naivität verlässt dich irgendwann. Als ich mit 17 losgefahren bin, habe ich geglaubt, ich komme nie zurück. Nach 30 Jahren weißt du, du kommst immer zurück, immer, immer, immer. Für mich war das Reisen jahrzehntelang die Lösung für alles. Immer wenn etwas passierte, privat oder beruflich, dachte ich: dann gehe ich eben wieder auf die Straße und alles ist okay. Diese Megamacht des Reisens ist für mich gelaufen. Wenn ich Haarausfall habe, werde ich vom Reisen keine Haare bekommen.

Ihr Buch über Indien, Shiva Moon, endete mit den schönen Worten “Scheiße, Mann, an meinem letzten Tag fängt Indien an.” Wie hört denn ihr neues Buch auf?

(Schlägt im Buch nach) “Wenn Gott einen Menschen bestrafen will, erhörte er seine Gebete.” Da muss man aber das ganze letzte Kapitel nehmen: Ich kam nach den 80 Tagen nach Berlin, und ich kam in dem Rhythmus: neue Stadt, nächste Stadt. Und dann hat es mir plötzlich wahnsinnig gut gefallen. Alle Nationalitäten und Völker sind hier. Und die Toleranz in Deutschland ist viel größer als in fast allen anderen Ländern, in denen ich gewesen bin. Ich könnte zum Beispiel in Bangkok kein Restaurant eröffnen, denn Ausländer dürfen da keine Geschäfte machen. In Indien können sie dich für ein Gramm Haschisch mit abgebrochenen Bambusstöcken auspeitschen, bis du keine Haut mehr hast – das passiert. Am Ende dieses Buches steht eigentlich das Finden, das Erkennen: Warum soll ich eigentlich weg aus Berlin?

Und wo liegt die Strafe, wenn die Gebete erhört werden?

In dem Moment, in dem du dir einen Traum erfüllst, hast du ihn verloren, weil er real geworden ist. Aber die Aufgabe eines Traumes ist eigentlich nicht, dass du ihn erfüllst, sondern, dass er dir ständig Kraft gibt. Meist erfüllst du dir einen Traum aber nicht seinen Mythos, nicht das, wofür er eigentlich steht.

Haben Sie trotzdem noch einen Traum?

Beim Reisen eigentlich nicht mehr. Ich habe schon in meinem vorherigen Buch gesagt, das war meine letzte Reise. Jetzt habe ich das wieder geschrieben. Seitdem bin ich aber schon zweimal in der Sahara gewesen, und nächste Woche fahre ich nach Belgrad. Es wird wahrscheinlich nie aufhören. Aber eigentlich träume ich von einem schönen alten Haus mit einem riesigen Garten, Apfelbäumen, einer Hängematte, Hunden, und dass meine Kinder endlich mal Kinder bekommen. Ich träume davon, Profigroßvater zu werden.

Und wo soll ihr Haus mit den Apfelbäumen stehen?

Österreich ist ein extrem schönes Land. Oder ein alter Bauernhof auf der Schweizer Seite vom Bodensee. Es ist wenig Exotisches dabei. Denn in diesen exotischen Kulturen bleibst du immer Fremder, da kannst du machen, was du willst. Ich lebe jetzt mit Unterbrechung seit 15 Jahren in Marrakesch und ich werde dort nie so akzeptiert wie ein Marokkaner, niemals. Das hat auch unheimlich viel mit Geld zu tun: Solange du Kohle hast, ist alles sutsche, aber sei mal pleite in Marokko oder in Brasilien, dann siehst du aber alt aus. Ich denke mittlerweile jedes Mal, wenn ich irgendwo in Europa ankomme: Geil, Europa ist so ein toller Kontinent. 

Helge Timmerberg, geboren 1952 in Dorfitter in Hessen, lebt heute in Marrakesch, St. Gallen und Berlin. Seit er mit 17 Jahren per Anhalter in den Himalaya reiste, hielt es ihn nie lange an einem Ort. Seine stets subjektiv erzählten Reisereportagen veröffentlichte der Journalist und Autor unter anderem in Tempo, Geo und Playboy. Nach Büchern wie “Shiva Moon. Eine Reise durch Indien” und der Reportagen-Sammlung “Tiger fressen keine Yogis”, erscheint am 2. Juni im Rowohlt Verlag “In 80 Tagen um die Welt”.

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Jetzt habe ich auch eins. Laßt es uns hier gemütlich machen. Noch bin ich da locker. Die Grundeinrichtung steht. Ein paar Bücher, ein paar Videos und hier der Pudding Shop. Ich schlage vor, hier treffen wir uns.

Das Original steht gegenüber der Blauen Moschee in Istanbul. Der Laden ist legändär. 1970 war es der Treffpunkt der Hippies, die nach Indien wollten, oder die von Indien zurück kamen. Damals, ich wage es kaum zu sagen, gab es noch kein Internet. Aber auch offline kann geil sein. Alles was ich über die nächsten 5000 Kilometer nach Osten wissen musste, erfuhr ich im Puddingshop. So in etwa stelle ich mir das hier vor. Und esst einen Pudding, immer wenn ihr auf diese Seite geht.