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Süddeutsche Zeitung, Literatur Reisebuch, 16. März 2010

, 31. März 2015

Auf Adrenalin

Du sollst nicht langweilen! Helge Timmerberg testet die Grenzen seiner Reisefreiheit

Helge Timmerbergs Stories von unterwegs beginnen mit einer echten Timmerberg-Situation: Der Autor, 17 Jahre alt, reist 1970 im Minibus durchs wilde Kurdistan in Richtung iranische Grenze. Die mitreisenden Muslime wollen wissen, was er von Mohammed hält. Timmerberg antwortet, der Prophet und Jesus und Buddah seien alle eins, wie auch die Menschen alle gleich seien. Dafür werfen sie ihn aus dem Bus, ein halbes Dutzend Passagiere aus dem Westen kann es nicht verhindern. Er landet im Schnee, mitten in der Nacht, die Wölfe heulen. Und was lernt Timmerberg daraus? Erstens: Die Menschen sind doch nicht alle gleich. Zweitens: “Sechs Hippies waren schwächer als vier Mohammedaner” – ein Satz, der seiner Meinung nach die ganzen siebziger Jahre erklärt. Drittens, und das ist auf die Wölfe bezogen: “Adrenalin ist an und für sich nicht bösartig, sondern ein befreundetes Hormon.”

Das Gute an Reisegeschichten im Stile Timmerbergs, was das Fabulieren angeht: Niemand kann sie überprüfen. Aber das Beste: Sie sind niemals langweilig. Timmerberg, das bedeutet: garantiert keine öden Landschaftsbeschreibungen, keine einschläfernden Fakten. Dafür ein Bekenntnis zur gnadenlosen Subjektivität, ein klares Nein zum Objektivitätsanspruch des Journalismus.

Viele der in seinem neuen Band “Der Jesus vom Sexshop” versammelten Reportagen sind zwischen 1982 und 2009 in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften von Tempo bis Neue Zürcher Zeitung und SZ-Magazin erschienen. Timmerberg hat die Texte für die Buchfassung überarbeitet. Es sind Stories, die auf Adrenalin, auf Testosteron und diversen anderen, die Wahrnehmung beeinflussenden Substanzen geschrieben worden sind. Dabei steht sie in der Tradition des Ur-Reiseberichts, der Abenteuergeschichte. Der Held ist gebrochen. Sein Unterwegssein ist permanente Selbstfindung vor exotischer Kulisse. Er zieht drauflos, weiß manchmal selbst nicht, was er tut, und besteht gerade deshalb alle Prüfungen. Er hat eine gute Zeit, muss letztendlich aber scheitern. Denn sein eigentliches Ziel, die Freiheit, erreicht er, wenn überhaupt, dann nur für kurze, glückliche Momente. Im letzten Kapitel schreibt Timmerberg zusammenfassend, er sehne sich danach, frei zu sein vom Drang nach Freiheit, der längst auch eine Form von Unfreiheit für ihn darstellt.

Die größte Freiheit spürt er bei den Goldsuchern am Amazonas. Er begleitet sie auf einem wahnwitzigen Marsch durch den Dschungel. Freiheit heißt hier: keine Bosse, keine Polizei, keine Frauen. Aber Schlangen und Jaguare, Moskitos und Malaria sind auch keine Alternativen zu den Zwängen der Zivilisation.

Und was erlebt er noch? Den Kampf der Thaiboxer gegen die Armut. Fiese Taxifahrer. Einen LSD-Trip bei Karstadt. Seine Bandscheiben bei einem Kamelritt. Die Kundschaft in einem Sexshop, dessen fürsorglicher Besitzer dem Buch den Titel gab. Egal ob die Stories in Bangkok, Bielefeld, Marrakesch oder Hamburg spielen, es geht immer ums Gleiche, ums Ganze, Große: Liebe, Geld und Tod. Das ist die Romantik eines abgeklärten Hippies.

Jochen Temsch

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Jetzt habe ich auch eins. Laßt es uns hier gemütlich machen. Noch bin ich da locker. Die Grundeinrichtung steht. Ein paar Bücher, ein paar Videos und hier der Pudding Shop. Ich schlage vor, hier treffen wir uns.

Das Original steht gegenüber der Blauen Moschee in Istanbul. Der Laden ist legändär. 1970 war es der Treffpunkt der Hippies, die nach Indien wollten, oder die von Indien zurück kamen. Damals, ich wage es kaum zu sagen, gab es noch kein Internet. Aber auch offline kann geil sein. Alles was ich über die nächsten 5000 Kilometer nach Osten wissen musste, erfuhr ich im Puddingshop. So in etwa stelle ich mir das hier vor. Und esst einen Pudding, immer wenn ihr auf diese Seite geht.