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Hamburger Abendblatt, Kultur & Medien, 13. April 2010

, 31. März 2015

Hin und weg. Ein Autor für alle Himmelsrichtungen

Unrasiert und fern der Heimat

Der Reiseschriftsteller Helge Timmerberg wundert sich seit vier Jahrzehnten rund um den Globus. Am 20. April stellt er sein neues Buch “Der Jesus vom Sexshop” in Hamburg vor. Joachim Mischke traf ihn in Berlin.

Es gibt Menschen, für die ist eine Pauschalreise der Himmel auf Erden. Lecker Büfett, tägliches Handtucheinparken am Pool, am besten schon kurz nach Sonnenaufgang. Einem wie Helge Timmerberg macht das noch weniger Spaß als eine verunglückte Zahnwurzelkanalbehandlung ohne Betäubung. Zwei Tage Jamaika, „all inclusive“, mehr ging nicht. „Man kann sich so ziemlich alles schöntrinken“, aber was zu viel ist, ist zu viel. Die Selbstversuch-Reportage blieb dann eben ungeschrieben.

Beim Gedanken daran kriegt Timmerberg sich auch heute noch nicht ein. Denn solche Geschichten, umweht von einem Hauch spontan ausbrechenden Wahnsinns (und gern auch dem einen oder anderen Marihuana-Wölkchen für die innere Balance), sind seit vier Jahrzehnten sein Metier und Markenzeichen.

Dem Hamburger Zeitgeist-Journalismus, der in den 80ern in dessen Zentralorgan „Tempo“ auf bissig poliert wurde, setzten Spitzenfedern wie Timmerberg, Maxim Biller oder Uwe Kopf mit solchen Alltagsbeobachtungen die hemmungslos subjektiv erzählenden Ich-Tüpfelchen auf. Timmerberg war der, den man mit seiner Gitarre und genügend Gras zum Wegrauchen über irgendeinem gottverlassenen Landstrich abwerfen konnte, der kam immer mit mindestens einer tollen Geschichte zurück. Ihn deswegen „Reisejournalist“ zu nennen wäre in etwa so, als bezeichnete man einen Jaguar E-Type ganz schlicht als „Auto“.

Globetrotter oder Weltenbummler, das beschreibt dieses Unikat viel besser. Seit Timmerberg vor 40 Jahren als Teenager mit einer Handvoll D-Mark und weitgehend ahnungslos Richtung Indien trampte, war er für die Normalität eines Lebens mit Hauptwohnsitz und Rentenanspruch verloren. Und je länger man ihm zuhört oder seine Texte liest, desto lauter wird eine Stimme im eigenen Hinterkopf, die zuerst einmal neidisch „Das will ich auch!“ schreit. Und dann das Gleiche noch mal. Aber lauter.

Inzwischen hat Timmerberg seinen 58. Geburtstag hinter sich, dekorative graue Strähnen in der Späthippie-Matte und im Bart. Mit seiner ungebügelten Hosenträger-Lässigkeit ginge er glatt als Bodydouble des Dude durch, den Jeff Bridges in „The Big Lebowski“ hinreißend verkörperte. Aber die ganz wilden Jahre, die sind vorbei. „Ich akzeptiere jetzt keine Kakerlaken mehr.“ Ein größeres Problem als die kleinen Krabbler: Timmerberg hat Rücken. Bandscheibenvorfall, vor drei Jahren, was langen Fahrten in schlechten Autos über noch schlechtere Straßen einiges vom Reisespaß nimmt.

Dass ihn dennoch so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringt, hat zwei Gründe, die einander bestens ergänzen. Timmerbergs Gemüt ist durch und durch ostwestfälisch. Das steckt stoisch einiges weg. „Damit findet man überall Geistesverwandte, in Österreich die Steiermarker, die Iren, die Afghanen. Die sind halt stur, das ist sehr positiv.“ Außerdem ist Timmerberg schwerhörig, das liegt bei ihm in der Familie. „Aber schwerhörig ist letztendlich auch positiv“, findet er, „weil es dazu geführt hat, dass ich mehr hinschaue als hinhöre. Geredet wird viel – aber Körpersprache, da kannste schlecht mit lügen. Da musst du schon CIA-Spezialist sein.“

Timmerberg war schon so oft in Indien, dass er längst Ehren-Inder sein müsste. Sein Ganges-Buch „Shiva Moon“ wurde als Wegweiser in unzählige Rucksäcke gestopft. Er hat jahrelang in Marokko und auf Kuba gelebt. Das waren jene Jahre, in denen er sich aussuchen konnte, auf welchem Erdteil er seine Klatsch-Kurzmeldungen für die „Bunte“ von Franz Josef Wagner schrieb. Timmerberg ließ sich wöchentlich Infos aus München faxen, dichtete einen Nachmittag und hatte danach genügend Zeit, Geld und Ruhe, um bis zur nächsten Woche durchzufeiern.

Auf die Idee, von Marrakesch aus für eine Amazonas-Reportage nach Brasilien zu fliegen, brachte ihn der Anblick einer „Hard Rock Café Rio“-Lederjacke. Dass er sich die falsche Jahreszeit ausgesucht hatte, merkte er erst vor Ort. Er flog zurück und kam später wieder, um irgendwann mit einigen Goldgräbern aus einem lecken Boot auf ein Krokodil zu springen, das verwirrt flüchtete, weil sich Futter normalerweise anders benimmt. Die Geschichte hat sein Auftraggeber „GEO Saison“ nicht genommen. „Die wollten was, das ihre Leser nachmachen konnten.“

Timmerberg war ein besonders schillerndes Blumenkind seiner Zeit. 1952 in Hessen geboren, in Westfalen aufgewachsen. „Als ich damals wegwollte, lag der Faschismus noch überall in der Luft“, erinnert er sich, „wie man auf lange Haare reagierte oder auf Cappuccino – das ist doch kein guter deutscher Kaffee! Da war Deutschland noch so ein Ding, das wirklich keinem Spaß machte.“

Seine Arbeitsmethode, um Spaß zu haben, ist denkbar einfach: Hinfahren, Augen auf und durch. „Ich flieg immer Oneway, weil ich nicht planen kann.“ Rückflug-Tickets sind für Touristen. Timmerberg will immer wissen, was das Land mit ihm macht. Mitunter kann das dauern, Wochen oder Monate. „Aber wenn ich das rausgefunden habe, hab ich die Geschichte. Unterwegs schreibe ich überhaupt nicht. Was dich wirklich beeindruckt hat, das vergisst du ja nicht.“ Seine Aufpasser in Nordkorea waren darüber sehr verwundert. Die kannten Journalisten nur als Menschen, denen Stift und Block an den Händen festgewachsen waren. „Namen und Hintergründe? Die finde ich doch bei Google. Wenn ich zurückkomme, muss ich eine Nacht schlafen, und dann raus damit.“

Mit zunehmender Meilenzahl auf dem Vielfliegerkonto des Lebens schlich sich hier und da eine leise Melancholie in Timmerbergs Texte. Der Märchenonkel, der konsequent planlose Berichterstatter aus 1001 Ländern, fragt sich immer mehr: Was mach ich hier eigentlich? Warum tue ich mir das an, unrasiert und fern der Heimat? „Wenn ich mich erholen will, dann bin ich zu Hause“, räumt er ein. „Alle interessanten Reisen waren brüllend anstrengend. Gefährlich, ungesund, auch immer mit großem Mist-Faktor.“

Das Interview in Timmerbergs Stammcafé in Berlin-Schöneberg hatte übrigens leichte Startschwierigkeiten. Sämtliche Wände sind dort tapeziert mit Künstlerfotos. Der einzige Künstler, der zwei Stunden fehlte, war Helge. War der Slibowitz, der am Vorabend bei seiner Lesung in der „Bar jeder Vernunft“ als Requisite zum Belgrad-Kapitel ausgeschenkt wurde, zu reichlich? Oder war der Timmerberg-Körper, gerade frisch zurück aus dem Senegal, innerlich noch in einer anderen Zeitzone?

Die Fahndungs-Telefonate hatten sich schwierig gestaltet, weil Timmerberg kein Handy besitzt (die Schwerhörigkeit …). Mehrere Kaffees später tauchte er auf, frohgemut und untröstlich. Große, bärig-tapsige Entschuldigung, die Lesung habe ihn so aufgekratzt, er sei erst um fünf ins Bett gekommen.

Die Frage nach seinem Ruhepunkt ist nicht ganz einfach zu beantworten. Es gibt einen in Berlin, wo seine Freundin lebt, und einen in St. Gallen. St. Gallen? Die Schweiz? „Früher hab ich die Alpenländer gehasst. Aber je älter ich werde, desto besser gefallen sie mir. Und die Schweizer – mein Gott, sind die höflich!“

Bei der Frage, was einen das ständige Unterwegssein über die eigene Heimat lehrt, gerät Timmerberg ins Philosophieren. Dabei blickt er wie ein Leguan beim Sonnenbad aus dem Café-Fenster und versonnen den vielen jungen Damen hinterher. Früher dachte er, Kuba, Marokko, da ist es so viel besser als hier. „Aber es gibt überall Licht und Schatten. Es ist hier auch nicht besser als da. Es ist fast überall gleich. Kein fucking Unterschied.“ Wenn alles mehr oder weniger gleich ist, wo bleibt dann die ultimative Freiheit? „Es gibt die Freiheit des Egos – und die Freiheit vom Ego“, kommt aus dem Bart. „Du bist natürlich viel freier, wenn du nirgendwo hinmusst, um deine Laune und deinen Seelenzustand auf Trab zu bringen. Wenn das alles auch hier geht. Wenn du deinen Hintern nicht bewegen musst, um glücklich zu sein.“ Bei den Afrikanern, da lernt er jetzt genau das. „Die sitzen einfach nur draußen. Die sagen dir, wenn du unruhig wirst, bleib doch mal sitzen. Das machst du dann und merkst, och ja, geht doch.“ Deswegen kam er kürzlich auch zwei Monate nicht wieder raus aus Dakar. „Ich bin einfach sitzen geblieben. Licht ging an, Licht ging aus. Super.“

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Jetzt habe ich auch eins. Laßt es uns hier gemütlich machen. Noch bin ich da locker. Die Grundeinrichtung steht. Ein paar Bücher, ein paar Videos und hier der Pudding Shop. Ich schlage vor, hier treffen wir uns.

Das Original steht gegenüber der Blauen Moschee in Istanbul. Der Laden ist legändär. 1970 war es der Treffpunkt der Hippies, die nach Indien wollten, oder die von Indien zurück kamen. Damals, ich wage es kaum zu sagen, gab es noch kein Internet. Aber auch offline kann geil sein. Alles was ich über die nächsten 5000 Kilometer nach Osten wissen musste, erfuhr ich im Puddingshop. So in etwa stelle ich mir das hier vor. Und esst einen Pudding, immer wenn ihr auf diese Seite geht.