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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Gesellschaft, 20. Juli 2008

, 2. April 2015

Der Erdumrunder

Helge Timmerberg ist “In 80 Tagen um die Welt” gefahren und hat jetzt erst mal genug vom Reisen – kein Wunder, bei dem Leben

Von Alexander Marguier

Helge Timmerberg ist gut drauf. Zwar hat ihn ein “fucking Bandscheibenvorfall” kürzlich für ein paar Wochen aus der Bahn geworfen. Aber dafür steht sein neues Buch beim “Spiegel” in der Bestsellerliste. Endlich hat es mal geklappt! “So um die neun” hat er in seinem Leben schon geschrieben, und seit Montag liegt “In 80 Tagen um die Welt” in den Sachbüchern auf Platz elf: zum ersten Mal in den Charts! Ob ein Geschichtenerzähler wie Timmerberg nicht besser bei der Belletristik aufgehoben wäre, ist dann letztlich auch egal. Sogar gesundheitlich geht’s inzwischen wieder aufwärts. Er kann halt nur nicht so lange sitzen und muss immer mal wieder vom Schreibtisch aufstehen, um etwas im Zimmer herumzulaufen, wenn der Rücken weh tut. Dass die Schmerzen beim Erzählen in den Hintergrund treten, trifft sich da ganz gut. Denn Helge Timmerberg hat viel zu erzählen.

Wir sind für 21 Uhr in einer mexikanischen Kneipe verabredet. Timmerberg ist pünktlich; den Fototermin vor ein paar Tagen hätte er beinahe noch verpennt. Der fand allerdings auch vormittags statt, und wer Helge Timmerberg gegenübersteht, dürfte ahnen, daß das womöglich nicht seine Zeit ist. Wenn die flosskelhafte Charakterisierung “Alt-Hippie” überhaupt auf irgendjemanden zutreffen sollte, dann auf ihn. Vor zehn Jahren drehten die Coen-Brüder den großartigen Film “The Big Lebowski”, in dem Jeff Bridges einen langhaarigen Zausel in den mittleren Jahren spielt, der sich gern mal einen Joint genehmigt und dazu in der Badewanne Walgesänge auf Tonband lauscht. Ein Kiffer, ein Rumtreiber, irgendwie nicht mehr zeitgemäß – aber mit Haltung. So einer ist Helge Timmerberg.

Die mexikanische Kneipe ist ganz nett, aber für eine Unterhaltung sind die Hintergrundgeräusche zu laut. Also gehen wir zu ihm nach Hause. Seine Wohnung liegt nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt, Ordnung, Sauberkeit und Mobiliar entsprechen in etwa dem Niveau einer Studenten-WG der frühen achziger Jahre. Hinter dem Schreibtisch an der Wand hängt ein Poster mit Klaus Kinski. Der ist Vorbild, der hat auch immer getan, was ihm gerade passte. Timmerberg dreht sich ein Tütchen, bläst Rauch über den Bildschirm seines Apple-Computers (auch wer kein Handy besitzt, kommt an manchen Errungenschaften der Moderne nicht vorbei) und berichtet, wie alles anfing. Damals, Ende der sechziger Jahre, in der tiefsten deutschen Provinz.

Vater Fernfahrer, Mutter Kellnerin in einer nordhessischen Truckerkneipe: nicht gerade das Milieu, in dem Bestsellerautoren aufwachsen. Der Sohn schaffte denn auch mit Ach und Krach gerade mal den Realschulabschluss. Die einzigen Talente, mit denen der adoleszente Helge Timmerberg bis dahin auf sich aufmerksam gemacht hatte, waren Tischtennisspielen sowie das Verfassen überlanger Schulaufsätze, die regelmäßig das Thema verfehlten. Dank väterlicher Beziehungen klappte es trotzdem mit einem Ausbildungsplatz, und zwar bei einer Textilhandelsfirma in Bielefeld. “Mir kam das vor wie bei Kafka, alles um mich herum war eine einzige graue Welt.” Das nötige Erweckungserlebnis bescherte ihm ein Berufsschulausflug nach Amsterdam. Allerdings nicht wegen der hübschen Grachten und der vielen Museen, sondern weil das Hotel mitten im Rotlichtviertel lag: “Rechts Huren, links Dealer, und ich mittendrin. Herrlich!” Nachdem Helge Timmerberg gleich am ersten Abend sein ganzes Taschengeld bei einer Halbchinesin durchgebracht hatte und mit drogenvernebeltem Kopf zurück zum Hotel wankte, war er zumindest um die Erkenntnis reicher, vom Schicksal nicht für eine Karriere im Bielefelder Textilhandel auserkoren worden zu sein. Die Vorsehung stimmte, kurz darauf war er seine Lehrstelle los: “Die mochten einfach meine langen Haare nicht.”

Was tun? Wildhüter in Australien zu werden (“kein Witz, dafür wurden damals ernsthaft Leute gesucht”), erschien durchaus plausibel. Oder lieber Sozialpädagogik studieren (“ging auch ohne Abi”)? Helge Timmerberg entschied sich dafür, erst mal zu testen, wie viel LSD ein menschlicher Organismus aushalten kann, und als er das überlebt hatte, ging er auf seinen ersten richtigen Trip. Und zwar über Land in Richtung Indien: “Erleuchtung suchen, Shiva und so …” Die Erleuchtung kam dann tatsächlich, nämlich während der Meditation in einem Ashram. Sie lautete: Helge Timmerberg soll Journalist werden.

Man kann sich ungefähr vorstellen, wie der Chefredakteur einer Bielefelder Lokalzeitung reagierte, als kurz vor Redaktionsschluss ein verwahrloster Indien-Heimkehrer mit langen Haaren und Sandalen an den Füßen vor ihm stand und irgendwas von Erleuchtung und Journalismus faselte. “Aber der Mann war ein Saufkumpan meines Vaters, und ich bekam meine Chance.” Dass Helge Timmerberg kundige Artikel über Tischtennis-Wettkämpfe verfassen und auch sonst mit dem Wort umgehen konnte, war dann wohl doch nicht genug, zumindest nicht bei der “Neuen Westfälischen” – nach dem Volontariat legten die Kollegen ihm nahe, sein Glück auf einem anderen Feld zu suchen. Beispielsweise das erste vegetarische Restaurant in Ostwestfalen zu eröffnen. Nach zwei Jahren war der Laden pleite, eine Stammkundin von ihm schwanger – und Timmerberg klopfte mal wieder bei einer Zeitung an. Zuerst klappte es als Aushilfs-Theaterkritiker bei der “Wolfenbütteler Zeitung”, dann als Lokalreporter in Braunschweig. Gewiss nicht die große Welt, allerdings befand sich in Timmerbergs Beritt das ehemalige Salzbergwerk Asse, wo damals die Einlagerung von radioaktivem Abfall begann: für ehrgeizige Journalisten eine echten Morgengabe.

“Ich fühlte mich ja zu Höherem berufen”, leitete Timmerberg kichernd die Episode ein, als es plötzlich rapide aufwärts ging mit ihm. Eitel ist er nicht, Ehrgeiz wäre wohl auch das falsche Wort. Aber erleben wollte er etwas, und zwar nicht nur irgendwo zwischen Braunschweig, Wolfenbüttel und Bielefeld. Und Chuzpe hat Helge Timmerberg auch: Nachdem er einen Artikel über Atommüll an den “Stern” geschickt hatte, rief er täglich in Hamburg an, um nachzufragen, ob die Kollegen ihn bringen würden. Sie taten es tatsächlich, wenig später war der niedersächsische Lokalreporter einer der Ihren. Sehr zum Leidwesen des “Stern”-Chefs Michael Jürgs hatte sich Helge Timmerberg aber in den Kopf gesetzt, genauso zu schreiben wie Hunter S. Thompson, neben Kinski noch so ein Idol von ihm. “Gonzo-Journalismus” wurde Thompsons Stil immer ein bisschen verächtlich genannt, weil ihm an Distanziertheit fehlte, was es an Ausschweifung, persönlichen Erlebnissen und gnadenloser Subjektivität im Übermaß gab. Ach ja, Witze waren in den Reportagen beim “Stern” auch nicht gern gesehen, “denn dafür gab es ja die Witzseite”. Also weiter: zum “Playboy”, zu “Lui” und dann zu “Tempo”, wo Typen arbeiteten, die genauso schreiben wollten, wie Timmerberg es vorgemacht hatte: “Für mich war er ein echtes Vorbild – über dreißig und immer noch cool”, erinnerte sich ein ehemaliger “Tempo”-Kollege.

Als es mit “Tempo” bergab ging, war Timmerberg schon längst wieder weg; bei “Merian” hatte er mit etwas begonnen, das heute gewissermaßen sein Markenzeichen ist: Reisereportagen zu schreiben, und zwar solche der grundehrlichen Art. Oder besser gesagt ohne fremdenverkehrstauglichen Kitsch. Anstatt Sonnenuntergänge zu bejubeln, lässt sich der Autor auf seiner Reise “In 80 Tagen um die Welt” von thailändischen Crack-Nutten die Zehennägel stutzen, und das klingt dann so: “Sie schneidet haarscharf vor den Nerven. Meine Gefühle währenddessen sind gemischt. Auf der einen Seite Panik. Auf der anderen Vertrauen. Sie ist ein Profi. Frauen ihrer Szene schaffen in Go-go-Bars an, können aber auch mit Maniküre Geld verdienen oder mit Massagen. Auch Bee, um endlich mal ihren Namen zu sagen, scheint zwei Standbeine zu haben. Trotzdem geht sie mir total auf die Nerven, denn sie ist einfach zu nah dran.”

Nicht alles, was Helge Timmerberg auf den Spuren von Jules Vernes Romanfigur Phileas Fogg erlebt, ist wirklich aufregend. Oft latscht er auch einfach planlos in der Gegend rum, sucht ein Internet-Café ode fragt sich, warum er nach all den Jahren in Hongkong ausgerechnet wieder in der Pizzeria “Angelini” gelandet ist. Aber auch das hat seinen Charme – gerade weil hier nichts beschönigt wird und man sich an eigene sinnlos verbrachte Stunden in den Wartehallen der Flughäfen dieser Welt erinnert fühlt. Außerdem verbirgt sich zwischen mancher Platitude die eine oder andere tiefe Einsicht, und langweilig wird es so sowiso nie. Erst recht nicht, wo Timmerberg sich auskennt – so wie auf Kuba. Wenn er am Beispiel eines Salsa-Konzerts beschreibt, wie verängstigt und entmutigt die Kubaner heutzutage sind, nachdem ihnen ein paar Freiheiten aus den neunziger Jahren wieder weggenommen wurden, ist das Reisejournalismus vom Feinsten.

Dass Helge Timmerberg Kuba-Fachmann ist, dafür gibt es in seiner Biographie übrigens auch eine bizarre Fußnote. Anfang der neunziger Jahre hatte er sich für ein Heidengeld von Franz Josef Wagner engagieren lassen, dem heutigen “Bild”-Kolumnisten damals noch Chefredakteur bei “Bunte”. Wagner hatte einen Narren an Timmerberg gefressen, was wenig verwunderlich ist, denn beide sind von der Persönlichkeitsstruktur und der Berufsauffassung her … Wie soll man es formulieren? Grenzgänger. “Ein wunderbarer Borderliner, Erfinder und Phantast”, sagt der ehemalige “Bunte”-Boss heute über seinen damaligen Reporter. Natürlich wurde Letzterer bei dem People-Magazin auf Dauer auch nicht glücklich, trotz Riesenzimmer, Riesengehalt und der Erlaubnis, im Büro zu kiffen. “Irgendwann ging ich zu Wagner und sagte ihm: “Franz Josef, jetzt ist Schluss, ich mag nimmer.” Es wurde folgender Kompromiss gefunden: Helge Timmerberg schreibt weiter für “Bunte”, kann sich aber seinen Dienstsitz selbst aussuchen. Zuerst war es Marrakesch, zwischen 1995 und 1997 betreute er das People-Resort für “Bunte” dann von Havanna aus. Einfach, weil es ihm dort gefiel.

Wer bei der Lektüre von “In 80 Tagen um die Welt” eine gewisse Melancholie zu erkennen glaubt, liegt nicht ganz falsch: Mit dem Herumreisen ist Helge Timmerberg so langsam durch. Immerhin ist er 56, und ein Hörgerät trägt er auch. Ob das ständige Vagabundieren eine Flucht gewesen sei? “So halbe-halbe. Jeder, der auf Reisen geht, schleppt doch irgendein Problem mit sich herum. Und was mich dabei immer interessiert hat, ist: Wie geht man in unterschiedlichen Kulturkreisen mit ähnlichen Problemen um.” Zum Beispiel während der achzigtägigen Weltreise: Da suchte Timmerberg, der sich als unsteter Geist schon immer schwer damit getan hat, Entscheidungen zu treffen, Rat bei einem indischen Guru. Der gab ihm den Tipp, notfalls eine Münze zu werfen und das Schicksal entscheiden zu lassen. So einfach wie Helge Timmerbergs reisephilosophische Haupterkenntnis, die er am Ende aller Welterkundungen nun für seine Mitmenschen bereithält: “Reitet nie auf Kamelen!” Genau daher rührt nämlich sein Bandscheibenvorfall.

Viel unterwegs
Helge Timmerberg kam im Jahr 1952 im hessischen Dorfitter zur Welt; sein Vater war Fernfahrer, die Mutter Kellnerin. Mit Mühe schaffte er die mittlere Reife und begann danach eine Lehre in einem Handelsunternehmen. Das war aber nicht seine Welt, also trampte er nach Indien. Dort hatte er die Eingebung, Journalist zu werden. Stationen waren der “Stern”, “Tempo” oder “Bunte”. Inzwischen schreibt er hauptsächlich Bücher, soeben erschienen ist die Reisereportage “In 80 Tagen um die Welt” (Rowohlt Berlin). Helge Timmerberg ist Vater von drei Kindern und lebt in Wien, Berlin, Marrakesch und in der Schweiz.

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Jetzt habe ich auch eins. Laßt es uns hier gemütlich machen. Noch bin ich da locker. Die Grundeinrichtung steht. Ein paar Bücher, ein paar Videos und hier der Pudding Shop. Ich schlage vor, hier treffen wir uns.

Das Original steht gegenüber der Blauen Moschee in Istanbul. Der Laden ist legändär. 1970 war es der Treffpunkt der Hippies, die nach Indien wollten, oder die von Indien zurück kamen. Damals, ich wage es kaum zu sagen, gab es noch kein Internet. Aber auch offline kann geil sein. Alles was ich über die nächsten 5000 Kilometer nach Osten wissen musste, erfuhr ich im Puddingshop. So in etwa stelle ich mir das hier vor. Und esst einen Pudding, immer wenn ihr auf diese Seite geht.