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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Feuilleton, 11. Mai 2003, Nr. 19

, 31. März 2015

Schreiben gegen den Untergang

Helge Timmerbergs großer, melancholischer Männerroman über einen Hamburger Kokainkönig

Von Maxim Biller

Hammer. Dieses Buch ist ein Hammer, diese Geschichte ist ein Hammer. Und dieser Autor sowiso.

Reden wir vom Autor zuerst. Er ist nicht mein Freund, obwohl er mir vorn ins Buch eine Widmung reingeschrieben hat, in der er mich seinen Freund nennt. “Für meinen Freund und Kollegen”, steht da, und Kollege ist schon besser. Schließlich treffen wir uns, wo wir nur können. Ich sage ihm, zu welchem deutschen Literaturagenten er gehen muß, damit er nie wieder von einem Verleger betrogen wird. Er sagt mir, zu welchem kubanischen Voodoopriester ich gehen muß, damit ich vom Schreiben nie wieder einen verspannten Nacken bekomme. Und wir bringen uns, wenn wir uns einmal in fünf Jahren sehen, gegenseitig Tricks bei, die einem helfen weiterzuschreiben, obwohl man gar nicht mehr weiterschreiben kann und mag und trotzdem denkt, daß es ohne auch nicht geht.

Als er neulich eine Schreibblockade hatte, gegen die eigentlich nur Hemingways alte Schrotflinte hilft, habe ich ihm gesagt, du darfst nicht aufstehen, bleib so lange sitzen, bis dir langweilig wird auf deinem Stuhl. Er hat es genauso gemacht und es hat, sagt er, funktioniert. Seine Ratschläge sind noch besser, sie sind lustiger. Vor fünfzehn Jahren bei “Tempo” meinte er einmal zu mir, das Blatt Papier, das er in seine Schreibmaschine einspannt, sei für ihn ein Tausendmarkschien, und mit jeder Zeile, die er schreibt, kommt unaufhaltsam der Tausendmarkschein aus der Maschine heraus. Ich habe gelacht und gedacht, in Ordnung, so kann man Artikel schreiben – aber auch Geschichten und Romane?

Man kann. Helge Timmerberg kann das. Denn das Buch, von dem hier die Rede ist, ist ein Roman, und daß es uns von Timmerbergs Verlag als die Autobiographie des Kokainhändlers und Yellow-Press-Lieblings Ronald “Blacky” Miehling verkauft wird, macht gar nichts. Um so besser, wenn Timmerberg mit solchen PR-Drehs zu einer Auflage kommt, die bei uns sonst nur Kochbücher oder Judith-Hermann-Poesiealbum-Prosa erreichen, aber nie große, tiefe, melancholische Männerliteratur.

Und genau das ist natürlich Timmerbergs “Schneekönig”. Es ist die Geschichte eines gutmütigen, gutbürgerlichen Hamburger Polizistensohns, der keine Lust hat, ein Engel wie seine Mutter oder ein Spießer wie sein Vater zu werden, darum wird er Verbrecher. Nur darum. Denn es ist nicht das schnelle Geld, das ihn lockt – es ist das ständige Überschreiten von Grenzen, die die bürgerliche Gesellschaft zwischen Gut und Böse zieht. Andere überschreiten sie, indem sie Bilder malen, die vorher noch keiner gesehen hat, oder Opern komponieren, bei denen dem Bürger das Blut in den Adern gefriert. Blacky, der Hamburger Polizistensohn, siehlt und betrügt, und er macht Frauen zu Prostituierten, aber das findet sogar einer wie er bald unmoralisch, also hört er wieder auf mit der ekligen Zuhältertour, und das große, saubere Abenteuer beginnt für ihn, als er das Kokaingeschäft entdeckt.

Kokain. Keine Ahnung, was daran so aufregend ist. Ich habe es noch nie versucht, nicht einmal gesehen, und sollte ich Freunde haben, die es nehmen, tun sie es zum Glück hinter meinem Rücken. Timmerbergs Blacky findet Kokain auch idiotisch, er liebt schottischen Whisky und karibischen Rum. Es ist das Geschäft mit dem Kokain, das ihn süchtig macht, und so wie Timmerberg davon erzählt, würde ich wie Blacky nach Curaçao fliegen und im besten Inselbordell korrupte Grenzpolizisten mit Frauen und Drogen bestechen, damit die mich am nächsten Tag mit meinem zwölf Kilo die Zollkontrolle passieren lassen; ich würde in Amsterdam so lange auf die richtigen Parties gehen, bis ich dort endlich die richtigen Kolumbianer kennenlernen würde, und mit denen würde ich ein paar Wochen später in Bogotá weiterfeiern, und wir wären in diesem Club, der in den Berg über der Stadt reingebaut ist, mit dieser riesigen Glasfront, hinter der die riesige nächtliche Stadt mit ihren Millionen von blinkenden Lichtern schöner und ergreifender ist als jeder alberne Sonnenuntergang. Wir würden tanzen und trinken und rausgucken und kein Wort über Geschäfte reden, und ich würde so schnell Spanisch lernen wie die richtigen Salsaschritte, und am Tag darauf würden sie mir sagen ich sei okay, darum würde ich ab jetzt soviel Ware geliefert bekommen, wie ich will. So würde ich – genau wie Blacky – über Nacht Hamburgs Kokainkönig werden, und zuerst wäre auch das sehr aufregend. Dann, wenn mich das langweilte, käme mir zum Gück die Polizei auf die Spur, und weil ich das wüßte würde ich eine Weile Katz und Maus mit ihnen spielen, und das wäre ebenfalls mächtig nervenaufreibend, aber irgendwann kriegten sie mich natürlich doch. So wie Blacky.

Und genau da würde ich wieder aufwachen, denn ich habe das alles ja nur geträumt. Nein, ich habe es in einem Buch gelesen, in Helge Timmerbergs großartigem, melancholischem Männerroman, der davon handelt, daß nicht nur Frauen dieser Welt Träume haben, sondern auch Männer. Solche Träume werden sonst in den Büchern von Hemingway, Jack Kerouac oder Jörg Fauser geträumt, es sind kindische, unmoralische, sehr romantische Träume. Sie handeln – ganz klar – davon, wie man es schafft, dem normalen Leben die Stirn zu bieten und dabei nicht unterzugehen, und natürliche geht man dabei unter, egal ob man ein Gangster oder Künstler ist. Von diesem Untergang immer wieder zu erzählen ist große heilige Schriftstellerpflicht, und die Schriftsteller, die über andere Dinge schreiben, sind auch ganz in Ordnung.

Ich habe den echten Ronald “Blacky” Miehling übrigens kennengelernt. Er war natürlich völlig anders, als ich ihn mir – dank Timmerbergs Talent – vorgestellt hatte. Er hatte fürs Wochenende Freigang bekommen, und wir saßen mit ihm und Timmerberg und noch ein paar Leuten, die den großen Gangster bestaunen wollten, in Berlin im feinen Café am Neuen See. Blacky erzählte vom Knast und von Kolumbien, er sagte Worte wie “Lieferung” und “Kartell”, er hatte ein Hawaiihemd an und rauchte rote Marlboros, und seine Geschichten hatten nicht gerade die epische Kraft von Homers Lagerfeuererzählungen, das alles war mehr so Seemannsgarn für Fortgeschrittene. Irgendwann fragte er mich traurig, ob man ihm anmerke, daß er schon seit neun Jahren sitzt. Nein, hab ich gesagt, auf keinen Fall, und ich meinte es so. Dabei dachte ich: Aber man merkt dir auch nicht an, Blacky, daß du der Mann sein sollst, dessen Geschichte Timmerberg in seinem Buch erzählt. Du bist das Leben, das normale, banale schwere Leben. Timmerbergs “Schneekönig” ist etwas ganz anderes – es ist Sprache, Melodie, Verdichtung, stete Veränderung, großer Schock und zarte Geste, das Lied von menschlichem Aufstieg und Untergang, mit anderen Worten – Literatur.

Hoffentlich, dachte ich weiter, kann man in dunklen, schlaffen Literaturzeiten wie diesen trotzdem mit so was eine Menge Geld verdienen. Das wünsche ich Blacky, der bald rauskommen wird und bestimmt was für den Neuanfang braucht. Aber vor allem wünsche ich es dem Kollegen Timmerberg. Soll der sich erst mal richtig satt essen, bevor er einen neuen Tausendmarkschien in seine Schreibmschine spannt.

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Jetzt habe ich auch eins. Laßt es uns hier gemütlich machen. Noch bin ich da locker. Die Grundeinrichtung steht. Ein paar Bücher, ein paar Videos und hier der Pudding Shop. Ich schlage vor, hier treffen wir uns.

Das Original steht gegenüber der Blauen Moschee in Istanbul. Der Laden ist legändär. 1970 war es der Treffpunkt der Hippies, die nach Indien wollten, oder die von Indien zurück kamen. Damals, ich wage es kaum zu sagen, gab es noch kein Internet. Aber auch offline kann geil sein. Alles was ich über die nächsten 5000 Kilometer nach Osten wissen musste, erfuhr ich im Puddingshop. So in etwa stelle ich mir das hier vor. Und esst einen Pudding, immer wenn ihr auf diese Seite geht.