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Frankfurter Rundschau

, 31. März 2015

“Ich bin nur schmerzfrei, wenn ich schreibe”

 Der deutsche Reisejournalist Helge Timmerberg hat für sein jüngstes Buch Afrika erkundet – zusammen mit seiner Wiener „African Queen“. Ein Gespräch über das Abenteuer Liebe, Midlife-Crisis auf Kuba, Erschütterungen eines Sechzigjährigen, rettende Arbeit und die Erkenntnis, dass auch die Freiheit ein Diktator sein kann.

Von Teresa Schaur-Wünsch

Es ist ungewohnt, auf jemanden zu warten, der für den Notfall einer Verspätung kein Handy hat. Warum haben Sie denn keins?

Helge Timmerberg: Das hab ich vor vier Jahren weggeworfen, ich glaube in einen Fluss. Ich hatte Wut auf meine Freundin. Danach fand ich es ganz gut, keines zu haben. Auch, weil ich am Telefon schwer Nein sagen kann. Außerdem hat mir ein Kollege erzählt, was in Kalifornien ehernes Gesetz ist: Je weniger du erreichbar bist, desto höher ist dein Image. Aber da hatte ich das Handy auch schon weggeworfen. Seit Kurzem denke ich aber, dass ich das wieder ändern will. Kein Handy zu haben, schwächt mich auf einer Ebene, auf der ich sowieso schwach bin: der Fähigkeit zur Konfrontation.

Man glaubt, Sie wären schon überall gewesen. Dabei waren Sie 40 Jahre lang nicht in Afrika.

Nur eine Woche, in den Achtzigern in Ruanda. Aber sonst …

Warum denn nicht?

Weiß nicht. Wenn ich wählen könnte, würde ich mich wohl immer nach Indien beamen. Andere Kulturen bedeuten ja nicht nur andere Häuser, sondern auch andere seelische Qualitäten. In Indien fällt immer alles von mir ab, was nicht mit den letzten Fragen der Seele zu tun hat. Indien war auch meine erste Reise, mit 17, und die erste Reise ist immer prägend. Dem Orient war ich über Jahrzehnte verfallen, in Südamerika hatte ich eine gute Zeit. Aber Afrika? Im Nachhinein habe ich es ein bisschen verstanden: Mich faszinieren ja immer die Kultur, die Städte, und Afrika hatte nie eine Hochkultur.

Haben Sie dann doch etwas mitgenommen, das Ihnen gefallen hat?

Doch, dass die Afrikaner alles aussitzen können. Dass sie im reinen Sein versickern können. Im Senegal bin ich eine Woche nur auf dem Dach des Gästehauses gesessen und hab aufs Meer und auf die Straße geschaut. Muss man denn immer etwas hinterherlaufen? Ist doch toll, wenn es nicht reinregnet und man genug zu essen hat.

Es ging auf dieser Reise ja auch nicht nur um Afrika, sondern auch um das Abenteuer Liebe. Was ist so schwierig an der Liebe?

Mein ganzes Leben war geprägt von der Sehnsucht nach Freiheit. Ich hab immer umgekehrt getickt: Ich habe schon seit 20 Jahren kein Auto mehr und fühle mich dadurch nicht arm, sondern frei. Ich habe auch nie einen Vertrag bei Redaktionen unterschrieben. Ich wollte immer das Gefühl: Wenn mir etwas nicht passt, brauch ich mich nur umdrehen und tschüss. Ich werde wütend, wenn mir meine Freiheit genommen wird. Und Liebe befreit ja total – wenn es die reine, philosophische Liebe ist, die sich dadurch erfüllt, dass sie geben darf. Aber das, was wir Liebe nennen, hat damit wenig zu tun. Wir wollen dann haben und verbieten. Also reden wir mal über Beziehung: Beziehung habe ich immer als eine Mischung aus Lust und Angst erfahren. Angst, dass der andere geht. Und es ist 30 Jahre her, dass ich mit einer Frau auf Reisen war.

Wie war es denn diesmal?

Das Schöne ist: Du kannst selbst in Kaschemmen absteigen und bist nicht allein mit den Kakerlaken. Aber dann will ich nach rechts und sie nach links … Dazu kommt das Abenteuer der Verletzbarkeit: Ich hab‘ den Eindruck, bei mir ist das besonders schlimm, wie eine Achillesferse. Liebeskummer kann mich fast umbringen. Da ist Schluss mit cool. Inzwischen geht es bei uns aber ums Zusammenziehen. Was Blut und Schweiß auf die Stirn bringt … Ich bin mein ganzes Leben allein gewesen. Und plötzlich kommt man in Umstände, in denen man nicht professionell ist.

Hätten Sie damit gerechnet, dass es Sie mit 60 noch einmal so erschüttert?

Ich finde es komisch. Im letzten Buch, „Der Jesus vom Sexshop“, hieß die letzte Geschichte „Freiheit von der Freiheit“. Da hab ich das einmal philosophisch durchgekaut. Und die Dinge aufgezeichnet, die ich früher frei genannt habe, die aber nicht frei sind. Im Regen im Amazonas bist du frei von der Zivilisation, von Gesetzen, Polizei, Ehefrau, du kannst machen, was du willst. Aber du bist nicht frei von den Gesetzen des Regenwalds, und die sind mindestens genauso hart. Und ich kam drauf, dass auch die Freiheit ein unheimlicher Diktator sein kann, weil sie ständig sagt: „Du musst frei sein!“ Und dich am Genießen hindert. Die Freiheit kann sich zu einem Sklaventreiber aufspielen. Und stellt sich am Ende womöglich als komplette Chimäre heraus. Das Projekt „Freiheit von der Freiheit“ habe ich jetzt geliefert bekommen. In der Beziehung bin ich jetzt frei von Einsamkeit und den vielen Nächten, in denen du an die Wand schaust und denkst, um Himmels willen, was ist aus meinem Leben geworden. Aber ich rebelliere immer noch. Die Wienerin ist anspruchsvoll.

Sie meinten einmal, die beste Zeit ihres Lebens sei auf Kuba gewesen, als sie von dort Leute-Geschichten für die „Bunte“ schrieben.

Das lag an der Zeit und den Lebensumständen. Ich war Anfang, Mitte 40, das ist ein sehr spezielles Alter für einen Mann. Für einen zweiten Frühling ist Havanna, wenn man Geld hat, das Königreich. Ich brauchte nur einmal pro Woche zu arbeiten. Die Musik, die Salsapartys. Alte Chevys, junge Frauen, mittelalter Rum: diese Mischung. Die kubanische Kultur hat wohl eine der freiesten Einstellungen zur Sexualität. Auf einer Insel entwickeln sich die Dinge oft anders. Dann der Kommunismus: Über Jahrzehnte haben sie sich gelangweilt, die hatten nur den Sex. Außerdem ging dauernd das Licht aus. Nach einer Woche will dich die Familie kennenlernen … Und dann siehst du natürlich, dass sie keinen Kühlschrank haben, und die Oma braucht Medizin. Es geht immer ums Geld, aber auch um Emotion. Das kann man nicht so auseinanderhalten. Nach zwei Jahren hab ich den Job verloren. Außerdem habe ich in Kuba angefangen, richtig viel zu trinken und auch zu koksen.

Nüchtern wurden Sie dann in Wien?

Über eine Freundin kam ein Angebot aus Wien. Wenn ich hier rausgehen wollte, kubamäßig, habe ich festgestellt, dass ich der Einzige bin, der grade Gas gibt. Ich wurde ruckzuck gesund und kam in Form.

Inzwischen sind Sie 60: Was ist das Schlimmste am Älterwerden?

Da fällt mir nur eines ein: Dass man mit seinem Willen nicht mehr so jungfräulich ist. Mit 17, 18, als ich zu Schreiben anfing, kam eine Idee des Weges und ich bin sofort draufgesprungen. Man hat viel Kraft und so wenig Zweifel. Heute habe ich eine Idee und denke sehr lange darüber nach. Das ist schlimm. Mache ich dieses Buch oder jenes, das über die Österreicher oder eine journalistische Biografie? Manche haben mich ja auch als Berufsjugendlichen kritisiert. Aber ich hatte nie eine Phase, wo ich jünger sein wollte. Ich bin der Meinung, dass Glück oder Zufriedenheit stark damit zusammenhängen, dass man seine Altersphasen akzeptiert und auslebt. Am Ende steckt alles in einem drin, wie Jahresringe in einem Baum. Immer jung sein wollen ist nur Stress.

Geht man als Reisejournalist in Pension?

Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass ich ein sehr unzufriedener, zerrissener Mensch mit allen möglichen mentalen, emotionalen und geistigen Problemen bin. Und ich bin fast immer nur schmerzfrei, wenn ich schreibe. Da fallen diese ganzen Fragen, die die Menschheit seit Jahrtausenden quälen, flach. Das englische Wort „mind“ – das bezeichnet diesen Unhold in uns, der nie zur Ruhe kommt, ständig etwas bezweifelt oder will. Aber wenn ich schreibe, kommt nichts mehr an mich heran. Du fängst an, das Schreiben übernimmt, dann kommt das Unterbewusstsein rein, die Fantasie dockt an. Ich finde es noch besser als Sex. Noch ist es meine einzige Rettung. Oder eine von zwei.

Aber war Ihnen nicht die Reiselust abhandengekommen?

Auf der Afrikareise bin ich in Kairo an einen Ort gelangt, wo für mich einst das Reisen begonnen hatte. In einer Moschee, 1981 oder so. Ich saß dort im Innenhof, die Tauben gurrten und ich schaute irre lang auf den Staub auf meinen Füßen und war so stolz darauf wie andere Leute auf einen Jaguar. Da habe ich die Identität des Wanderers inhaliert. Ich wusste, jetzt geht’s los, es liegen tausend Geschichten vor mir. Dort war eine Kraft, die mich angefallen hat wie ein Tier. Diese Moschee habe ich wieder gesucht. Ich dachte, sie würde mir sagen: Es ist aus, du kannst die Wanderschuhe ausziehen. Die Botschaft war aber genau umgekehrt: Die Reise fängt gerade erst an. Ich kam raus und es war, als wäre ich das erste Mal auf einem Basar. Das ist der Stand der Dinge.

Darf man Sie auch fragen …

1 … ob es ein Medium gibt, für das Sie nie schreiben würden?

Für mich gibt es kein Lagerdenken. Ich habe für alle gearbeitet und weiß, dass alle gleich drauf sind. Der Rest ist Markenphilosophie. Dazu kommt, dass ich eine einfache Sprache habe. Das stört die bürgerlichen Medien nicht, im Boulevard ist es Voraussetzung. Ich finde den Boulevard reizvoll: Es ist ein wildes, schönes Tier. Ich fühle mich seinen Lesern näher.

2 … ob es eine Droge, gibt die sie nie probiert haben?

Heroin. Opium ein paarmal, wenn es des Weges kam.

3 … ob Sie von Ihren Reisen Souvenirs mitbringen?

Nur durch Zufall. In Kairo habe ich auf einem Slumbasar Unterhosen gekauft. Und in Mali ein super Hemd gefunden, italienisch, für 50 Cent. Hat wohl einer gespendet. Früher habe ich Tickets und Quittungen mitgenommen und an die Wand geklebt. Das Wichtigste war für mich immer, die Farbe einer Kultur mitzunehmen. In uns sind alle möglichen Farben des Menschseins drin, aber einige ausgelebter als andere.

Steckbrief

Helge Timmerberg wurde 1952 in Dorfitter in Hessen geboren und entschloss sich mit 17, im Himalaya, Journalist zu werden. Er schrieb Reisereportagen für “Spiegel”, “Stern”, “Süddeutsche”, “Die Zeit”, “Tempo”, “Bild”, “Playboy”, den “Wiener” u.a.

Er lebte unter anderem in Marrakesch und Havanna. Heute hat er eine Wohnung in St. Gallen.

2001 erschien sein Buch “Tiger fressen keine Yogis”, es folgten u.a. “Timmerbergs-Reise-ABC”, “Shiva Moon” oder “Der Jesus vom Sexshop”.

African Queen ist sein jüngstes Buch. Timmerberg bereiste dafür den letzten ihm noch unbekannten Kontinent – auf Wunsch und gemeinsam mit der Wiener Französischlehrerin Lisa, mit der er bis heute zusammen ist.

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Jetzt habe ich auch eins. Laßt es uns hier gemütlich machen. Noch bin ich da locker. Die Grundeinrichtung steht. Ein paar Bücher, ein paar Videos und hier der Pudding Shop. Ich schlage vor, hier treffen wir uns.

Das Original steht gegenüber der Blauen Moschee in Istanbul. Der Laden ist legändär. 1970 war es der Treffpunkt der Hippies, die nach Indien wollten, oder die von Indien zurück kamen. Damals, ich wage es kaum zu sagen, gab es noch kein Internet. Aber auch offline kann geil sein. Alles was ich über die nächsten 5000 Kilometer nach Osten wissen musste, erfuhr ich im Puddingshop. So in etwa stelle ich mir das hier vor. Und esst einen Pudding, immer wenn ihr auf diese Seite geht.