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Der Tagesspiegel, Medien, 10. Februar 2002

, 2. April 2015

“Hunter S. Thompson warf mit Äxten um sich”

Der Reporter Helge Timmerberg über eine Generation von Journalisten, die sich noch traute, Präsidenten zu erschrecken

Mitte der achziger Jahre kam der amerikanische New Journalism, begründet von Autoren wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson, nach Deutschland – unter anderem durch Ihre Beiträge im damaligen Magazin “Tempo”. Was ist anders an dieser Art von Journalismus?

New Journalism ist durch seine extreme Subjektivität ehrlich. Hunter S. Thompson habe ich einmal zur Zeit des Carter-Bush-Wahlkampfs in seinem Haus in Aspen/Colorado besucht. Ich blieb drei Tage. Er schrieb an einer Kolumne für den “San Francisco Examiner” und hatte folgendes Problem: in der Woche zuvor hatte er geschrieben, dass man Bush senior zu Tode trampeln sollte, wo immer man ihn trifft. Ein FBI-Mann rief daraufhin bei Thompson an und sagte: Hey, Hunter, das geht zu weit. Du kannst die Leute nicht dazu auffordern, den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner zu lynchen. Hunter suchte in diesen drei Tagen für die nächste Kolumne nach einem Satz, mit dem das FBI und er gleichermaßen leben konnten. Ich befand mich dabei, na, sagen wir, in Gefahr, weil er mit Äxten um sich warf oder eines seiner fünf Gewehre benutzte, um sich abzureagieren. Er war unansprechbar. Als er den Satz hatte, war er wieder der lustigste und höflichste Autor, den man sich vorstellen kann. Im “San Francisco Examiner” stand eine Woche später: “Bush gehört von einem Elch gefickt.”

In deutschen Zeitungen liest man solche Aussagen über Politiker eher nicht.

Der traditionelle Journalismus beharrt auf einer Objektivität, die es nicht gibt. Journalisten sind Menschen, Menschen haben Meinungen, Menschen haben Antipathien, Menschen haben auch mal schlecht gefrühstückt. Es gibt keinen objektiven Journalismus. Die einen geben das zu, die anderen nicht. Bei einem Hunter S. Thompson weiß eben jeder sofort, woran er ist. Man kann ihn lieben oder hassen.

In den USA kam New Journalism schon in den revolutionären Sechzigern auf. Warum fand dieser Stil erst zwanzig Jahre später zu uns?

Bin ich das Orakel von Delphi? Es kommt ja alles ein bisschen später zu uns. Damit begonnen haben die Stadtmagzine. Die setzen sich Anfang der 80er als neues Magazin-Format durch. Der “Wiener” in Wien war das beste von ihnen. Der damals blutjunge Markus Peichl und Michael Hopp haben es gemacht. Lo Breier war Art Direktor. 1985 gingen Peichl und Breier nach Deutschland und machten “Tempo” auf. Damit war New Journalism am nationalen Kiosk.

“Tiger fressen keine Yogis”, Ihre Sammlung von Reisereportagen, liest sich wie eine Reihe von spannenden Geschichten mit oft extremen Erlebnissen. Was bedeutet Reisen für Sie?

Ich bin eigentlich nicht label-minded, aber bei Sonnenbrillen gibts für mich nur Ray Ban. Weil ich sie ständig verliere, kaufe ich eine neue vor jeder Reise. Das ist mein Ritus. Ich setze sie nicht eher auf, bevor ich aus dem Flieger steige. Da ich nur Ray Ban mit braunen Gläsern trage, sieht die Welt dann auf einen Schlag wie in einem Film von Spielberg aus. Beantwortet das Ihre Frage? Oder muss ich noch sagen, dass Reisen und Flucht zwei komplett unterschiedliche Lebensformen sind? Auf der Flucht genießt man keine Reise. Und sobald man eine Reise zu genießen beginnt, flüchtet man nicht mehr. Ankommen ist ein anderes Wort für genießen. Da ankommen, wo die Geschichten sind.

Aber die letzte Geschichte in Ihrer Sammlung trägt den Titel “Auf der Flucht”.

Ich bin ein unruhiger Geist. Nur, wenn ich mich bewege, bin ich ruhig.

Haben Sie Lust, einmal die Grenze zwischen Journalismus und Fiktion zu überschreiten und einen Roman zu schreiben?

Es ist für mich nur sehr schwer vorstellbar. Die Realität ist zu irre, um sie mit Fiktion noch zu toppen.

Geschrieben haben Sie für die Boulevardpresse, für Wochen- und Reisemagazine, auch für ganz normale Tageszeitungen.

Ich habe keine Berührungsängste mit dem Boulevard. Was man braucht, um in allen Formaten zu bestehen, ist eine einfache Sprache. Im Boulevard ist sie die Voraussetzung, in den bürgerlichen Blättern wird sie akzeptiert. Für Schreiber ist das grundsätzlich nicht verkehrt. Einfach schreiben heißt ja nicht doof schreiben.

Hat der New Journalism, den es ja als klare Stilrichtung heute nicht mehr gibt, in Deutschland Einfluss auf die großen Redaktionen gehabt?

Der letzte “Tempo”-Chefredakteur, Walter Mayer, ist heute Stellvertreter des Chefredakteurs bei “Bild”. Vorher hat er in derselben Funktion die “Bunte” und die “B.Z.” gemacht. Michael Hopp, erster Chefredakteur des “Wiener” hat inzwischen die Redaktionen von “Männer Vogue”, “GQ” und “TV Movie” geleitet, jetzt leitet er die von “TV Today”. Einige der besten “Spiegel”-Autoren, wie Thomas Hüetlin und Marc Fischer, kommen aus der “Tempo”-Schmiede. Ebenso Claudius Seidl, der Chef des Feuilletons der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. Auch das “SZ-Magazin” wurde zeitweise von einer Redaktion gemacht, die gut zur Hälfte aus ehemaligen “Tempo”-Leuten bestand …

Und Sie?

… ich selbst bin seit ein paar Wochen Gastlehrer auf der Henri-Nannen-Journalistenschule.

Gibt es für Sie auch Tabus für das Schreiben? Was würden Sie ablehnen?

Langeweile. Das ist das einzige Tabu.

Als Journalist, der Erfahrungen mit sehr unterschiedlichen Niveaus von Zeitungen gemacht hat – was sind Ihrer Ansicht nach die größten Sünden im Journalismus von heute?

Marktforschung und Leserumfragen. Alle erfolgreichen Blätter wurden und werden von Leuten gemacht, die ihre Zielgruppe im Bauch haben.

Im Februar und März sind Sie als Talkgast bei Alfred Biolek, und bei der Harald Schmidt-Show eingeladen.

Ich habe herausgefunden, warum mir Fernsehen Spaß macht. Es sind die Scheinwerfer. Sie haben eine ähnliche Wirkung auf mich wie ein Sonnenstudio: antidepressiv.

Das Gespräch führte Bernd Rasche

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Jetzt habe ich auch eins. Laßt es uns hier gemütlich machen. Noch bin ich da locker. Die Grundeinrichtung steht. Ein paar Bücher, ein paar Videos und hier der Pudding Shop. Ich schlage vor, hier treffen wir uns.

Das Original steht gegenüber der Blauen Moschee in Istanbul. Der Laden ist legändär. 1970 war es der Treffpunkt der Hippies, die nach Indien wollten, oder die von Indien zurück kamen. Damals, ich wage es kaum zu sagen, gab es noch kein Internet. Aber auch offline kann geil sein. Alles was ich über die nächsten 5000 Kilometer nach Osten wissen musste, erfuhr ich im Puddingshop. So in etwa stelle ich mir das hier vor. Und esst einen Pudding, immer wenn ihr auf diese Seite geht.