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Buchkultur 154, Juni/Juli 2014

, 3. April 2015

On the Road im Orient

Helge Timmerberg reist und schreibt viel. Christa Nebenführ hat sich mit ihm über seinen neuen Roman unterhalten.

Der Herr, auf den ich im Café Daniel Moser in der Wiener Rotenturmstraße zugehe, ist mit allem versorgt: mit Kaffee, Sandwich, Zigaretten und einem geöffneten Laptop. Genau wie ich mir einen Weltreisenden vorgestellt habe. Er hat den Interviewtermin zweimal verschoben, beim zweiten Mal, weil er von Ostern noch fix und fertig sein.

“Was war zu Ostern?”

“Sonntags fast ich immer und diesmal hatt ich am Tag davor zuviel Schokolade gegessen und der Montag ist dann immer ein bisschen mühsam und außerdem musste ich einen Artikel für den Playboy zu Ende bringen, den ich schon vor einem halben Jahr versprochen hatte”, antwortet der gepflegte Herr mit den etwas längeren, aber ebenso gepflegten Haaren.

Ich hatte mir eine andere Antwort erwartet. Immerhin kommt Helge Timmerberg in den Medien als Reinkarnation des amerikanischen Beat-Poeten Jack Kerouac rüber. Ständig “on the road”, meistens bekifft, oft in Begleitung faszinierender Frauen und auf der Suche nach guten Geschichten. Ist der am Ende eine ausgeklügelte Kunstfigur?

Ja und nein.

Der öffentliche Timmerberg ist natürlich nicht der ganze Timmerberg, aber es gibt bestimmte Teile der Persönlichkeit Timmerberg, die an der Schreibmaschine automatisch anspringen und sich verstärken, während andere ausgeblendet werden. Wir wollten über sein neuestes Buch sprechen, das es acht Tage nach Erscheinen schon auf Platz 20 der Spiegel-Bestsellerliste gebracht hat. Ach ja, das gehörte auch noch zum Osterstress, die Warterei, ob sich das wirklich ausgeht. Die Kurzfassung dieses Buchs steht am Anfang des letzten Kapitels: “Ein literarisches Drehbuch auf der Grundlage einer Geschichte der Baronin Elsa Sophia von Kamphoevener, die sie auf der Grundlage einer alten türkischen Geschichte nacherzählt hat. Die Nacherzählung einer Nacherzählung eines ewigen orientalischen Märchens.”

Kamphoevener! Ist das nicht diese zwielichtige Rundfunktante der 50er-Jahre, die sich ihre Biografie zusammengeklaut hat wie Karl May oder Jack Unterweger?

Ja und Nein.

Im Roman spannt der Autor Timmerberg den Bogen von der Faszination für eine Kunstfigur über 22 Jahre, drei Länder und drei Facetten des Orients: über Ägypten, Marokko und die Türkei im Licht des alten, des neuen und des erträumten Ostens. So weit muss er ausholen, damit die Leser am Ende verstehen, warum es zu keinem Film über die Baronin Elsa Sophia von Kamhoevener kommen konnte und warum das Märchen von der Perlenkarawane, das uns die beiden am Ende des Buches schenken, diese Umwege wert war. Denn Helge Timmerberg ist abseits aller Inszenierungen vor allem eines: Schriftsteller. Und zwar einer, der weiß, wie man die Zutaten so zusammenbraut, dass kein fader Babybrei herauskommt, sondern eine ebenso süße wie herbe, unterhaltende wie nachdenklich stimmende Soup de la Vie, welche die Geschmacksknospen der Lesenden explodieren lässt.

Apropos Zutaten: Beginnen wir mit dem Harem. “Das Teetässchen schmiegte sich wie die Taille einer Frau in meine Hand … Das kleine Meer inmitten der Stadt, das nachts nicht länger wie ein goldenes Horn aussieht, sondern sich wie eine funkelnde Vagina in die Stadt einschmiegt … Marokko empfing mich wie eine billige, aber wunderschöne Hure …”

“Ich liebe Frauen”, schmunzelt der gelassene Herr im Café. “Würde ein Virus alle Frauen auf der Erde dahinraffen, würde ich mich sofort umbringen.”

Während der Arbeit an dem Buch ist sein Vater gestorben – danach hat er ihm darin eine berührende Erzählpassage gewidmet. Wenn die Lesetour vorbei ist, geht es mit dem geerbten Mercedes des Vaters und dem eigenen Sohn nach Indien. Auf die Suche nach der nächsten Geschichte …

2 Responses to “Buchkultur 154, Juni/Juli 2014”

  1. Martin Gräf on

    ich such den text mit dem Mercedes, der als Schwabenscheisser bezeichnet wurde,
    war damals in TEMPO abgedruckt, ich fand den so toll und wurde,
    ich duz jetzt mal, so auf dich aufmerksam.
    wie komm ich an diese Textstelle ran Helge ?

    ich weiss nicht ob Du den Grössten hast, Du bist es aber 😉

    Gesundheit DIR !

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Jetzt habe ich auch eins. Laßt es uns hier gemütlich machen. Noch bin ich da locker. Die Grundeinrichtung steht. Ein paar Bücher, ein paar Videos und hier der Pudding Shop. Ich schlage vor, hier treffen wir uns.

Das Original steht gegenüber der Blauen Moschee in Istanbul. Der Laden ist legändär. 1970 war es der Treffpunkt der Hippies, die nach Indien wollten, oder die von Indien zurück kamen. Damals, ich wage es kaum zu sagen, gab es noch kein Internet. Aber auch offline kann geil sein. Alles was ich über die nächsten 5000 Kilometer nach Osten wissen musste, erfuhr ich im Puddingshop. So in etwa stelle ich mir das hier vor. Und esst einen Pudding, immer wenn ihr auf diese Seite geht.