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Berliner Zeitung, Feuilleton, 9. März 2012

, 31. März 2015

Die Löffelposition ist eine Chimäre

Reisen oder Liebe, was ist gefährlicher? Passend zur ITB erscheint heute das neue Buch von Helge Timmerberg

Von Sabine Vogel

Er ist mit Sicherheit der witzigste und gnadenloseste Reiseschriftsteller Deutschlands, er hat nichts ausgelassen an Abenteuern und Selbsterfahrungstrips, er kennt Asien, vor allem Indien seit seligen Hippiezeiten, aber in Afrika war er war noch nie. Das ist jetzt anders. Der entschiedene Einzelgänger Helge Timmerberg hat sich nämlich verliebt, in Lisa, eine Wienerin, die halb so alt wie er ist, und die zieht es nach Afrika, genauer in eine Edel-Lodge in Malawi, bei der sie sich als Managerin verdingt hat. Zwei gefährliche Abenteuer zugleich also, und um es ganz klar vorneweg zu sagen: Timmerberg hat nur Lust auf das eine, Lisa natürlich, und auf Afrika keine. Außerdem ist der bekennende Globaltrottel und Reportagen-Junkie langsam „überreist“. Afrika ist sein Konkurrent, sein Feind im Kampf um die Gunst von Lisa. Insofern kommt ihm die eklige Mückenattacke, die das Paradies gleich an ihrem Ankunftstag heimsucht, sehr gelegen.

Aber beim ersten Sonnenuntergang über der Savanne fallen Timmerberg nicht nur die ganzen orangeroten Schirmakazien-Buchcover –„Kapitulation der Kreativität“– der einschlägigen Frauenromane zum Thema ein, einschließlich Hardy Krüger und Mankell, angesichts der „Champions League der Reiseeindrücke“ (Schnee am Kilimandscharo!) gesteht er auch demütig seine eigene Überwältigung ein. Das kann er trotz seiner Reisemüdigkeit nämlich immer noch in umwerfender Frische: kindlich staunen über die Wunder der Welt und sich zugleich beim doofsten Kitsch – „Die Erinnerung der Gene!“ – zu ertappen.

Timmerberg kennt das ganze Klischeegewese um Mamma Africa und Wiege der Menschheit auswendig, aber er ist sich nie zu fein dafür, ihm dennoch zu erliegen. Ebenso wie seiner Höllenangst vor einem Monsterkrokodil. „Tief atmen nützt mir grad ’nen Scheiß.“ Mit weichen Knien stellt er fest, dass es einen Unterschied zwischen Fluchtreflex und Wassersport gibt, sinniert über die Nasenlöcher der Uferbestie und kommt zum Schluss: „Evolution ist faszinierend, ich würde sie gern verstehen.“

Timmerberg spielt gern den Ahnungslosen, allzeit bereit, sich auf noch einen Drink, ein Märchen, ein Abenteuer oder eine Erleuchtung einzulassen. Das ist ein prima Trick, sich die Neugierde auf die fabelhaften Merkwürdigkeiten des Fremden zu bewahren – und nebenbei die Methode des professionellen Geschichtenjägers, der zuerst mit offenen Sinnen hinsehen und hinhören können muss. Hinreißend zum Beispiel die Geschichte von Toni: Der ehemalige Tischler aus Rostock, „ein Ossi, klar,“ managt eine herrliche Nobel-Lodge. Die wird aber zusehends von Pavianen durch sanfte Übernahme „vergesellschaftet“. Weil Toni ein humanistisches Weichei ist, traut er sich nicht, die süßen Tierchen mit der Knarre zu vertreiben, was das einzig Richtige wäre. „Toni ist ein Pazifist, er ist zu weich für Afrika. Hat Moni ihn deshalb verlassen? Man weiß es nicht.“

Paviane, das lehrt ihn die teilnehmende Beobachtung in Tonis Lodge, kennen jedenfalls keine Scham. Ob sie einen Gott haben? Und wie sähe wohl ein Pavian-Playboy aus? Und schwupps kommt Timmerberg zur simplen Erkenntnis: „Manieren sind in Afrika Quatsch“. Pointierter wurde das Phänomen der „Verbuschung“ – Weiße werfen in Afrika Zivilisation ab – selten ausgedrückt. Und wo wir schon mal beim doppelt ironischen Rassismus sind: Mit seinem lapidaren Spruch „Zeigen wir ihnen (den Afrikanern), was Unglück ist!“, steckt Timmerberg locker mehrere Regalmeter an postcolonial studies-Ethnologie samt Dialektik der Aufklärung in die Tasche.

Er springt vom Großen ins Kleine und zurück, eine haarsträubende Geschichte jagt die nächste, er stellt hanebüchene Behauptungen auf, die er höchst einleuchtend mit einer weiteren komischen Anekdote begründet, wie ein psychedelischer Popliterat zitiert er sprudelnd aus Literatur, Popkultur, Filmen und Werbungskitsch, er praktiziert das wilde Denken so leichthändig, wie es nur durch langjähriges Kiffen gelingt. Und gerade wenn einem das Sperrfeuer aus seiner Kalauerkalaschnikow auf den Zeiger zu gehen droht, bremst er es aus mit einer Lebensweisheit von abgrundtief schlichter Schönheit. Wer würde abstreiten, dass in der Liebe gilt: „Wer Angst hat, den anderen zu verlieren, der nervt.“ Und „die Löffelposition ist eine Chimäre“.

Timmerbergs „hinterfotzig, genrephilosophisch, druckreif dahergeplapperter“ Sound aus Blasphemien, Blödeleien und Beobachtungslust reißt einen von der ersten Seite an mit und mit ihm durch halb Afrika. Im Senegal bietet man Trommelkurse, Aids und Ehen an. Dakar ist ein Labyrinth schlecht imitierter Zivilisation, eine Plastiktüten-Supernova, und der „romantische Materialist“ oder auch alte Gockel (Selbsteinschätzung) erliegt kurz mal dem Voodoo-Zauber einer schönen jungen Hexe.

Nach dem Motto „Lieber Vorschuss statt Streifschuss“ steigt Timmerberg zwar auch gern mal im Hilton von Addis Abeba ab, aber das „Afrikanische Fieber“ eines Ryszard Kapuscinski holt man sich halt leichter auf der Gasse und in der Gosse. Wenn’s der Geschichte dient, lässt Timmerberg sich immer gerne überrumpeln, übern Tisch ziehen, verarschen, ausnutzen, hereinlegen, übertölpeln oder eben überwältigen. Grenzen sind dazu da, sie zu übertreten, sonst kann man zu Hause bleiben. Weil auf Sansibar alles so märchenhaft vermischt ist, Indien, Arabien, sogar ein Hauch Thailand, erlaubt Timmerberg sich die Steigerung des unsteigerbaren Adjektivs „wunderbar“ zu „sansibar“.

Was zwanglos überleitet zu: Das „Serengeti“ darf nicht sterben! Gemeint ist damit eine der drei Biermarken Tansanias, die aber alle so „sansibar“ sind, wie Timmerbergs selbstironisch geschilderter Afrikatrip. Wie es mit Lisa weiterging, erzählt er nicht. Aber „unter allen Möglichkeiten, sich wortlos zu bedanken, gilt ein kühles Bier nicht als die schlechteste“.

 

 

Berliner Morgenpost, Kultur, 25. April 2012

Zwischen Kakerlaken und Krokodilen

Ein Mann fürs Herz: Helge Timmerberg sucht die Abenteuer in Afrika und in der Liebe

Von Eva Lindner

Wie geht es Lisa? Der erste Zwischenruf, kommt nach zwei Minuten. Helge Timmerberg lässt sich nur allzu gerne aus dem Konzept bringen. In den nächsten Stunden wird er sich selbst ein Stichwort nach dem nächsten geben und sein Publikum mit auf eine Reise durch seine Erinnerungen aus 40 Jahre Reisejournalismus nehmen. In Köln sei seine Lesung neulich toll gewesen, sie habe viereinhalb Stunden gedauert und er habe keine Zeile gelesen. Nur erzählt und Gitarre gespielt.

Aber zurück zu Lisa. Alle wollen an diesem Abend in der Backfabrik in Prenzlauer Berg wissen, ob die beiden noch zusammen sind. Lisa ist die Frau, die Timmerberg – der fast überall auf der Welt war – dazu gebracht hat, nach Afrika zu reisen – wo er nie hin wollte. In seinem neuen Buch “African Queen” schreibt er über seine Erlebnisse auf dem schwarzen Kontinent, von Krokodilen, Korruption, Kakerlaken, Überfällen, Safaris, Voodoo und Malaria. Und trotzdem spielt Afrika nur die Nebenrolle. Die Hauptrolle spielt das größte Abenteuer von allen: Die Liebe.

Die Beziehung zu der Frau, die ein Vierteljahrhundert jünger ist als der 60-jährige Autor, stürmt auf und ab, wie die Wellen des Malawisees, an dem Lisa für drei Monate in einer Lodge arbeitet. Timmerberg begleitet sie “ins Paradies”, damit er sicher gehen kann, dass sie es auch wieder verlässt. Lisa ist zerrissen zwischen der Liebe zu Afrika und dem Abenteurer.

Der Hesse schreibt über seine Abenteuer seitdem er, wie er sagt, im Himalaya eine Eingebung hatte. Damals war er 17 Jahre alt. Heute ist er der wohl beste Reiseschriftsteller Deutschlands. Ja, es gibt Andreas Altmann und da ist auch noch Christian Kracht. Aber dem einen fehlt die Leichtigkeit, dem anderen die Demut. Auch Timmerberg ist eitel, aber auf liebenswerte Art. Wenn er einen Satz zweimal vorliest, weil er ihn “so geil” findet und dann ins Publikum strahlt, wie ein Siebenjähriger, der gerade einen Goldschatz gehoben hat, muss man einfach mitlachen. Seine Geschichten wie “Tiger fressen keine Yogis”, “Der Jesus vom Sexshop” oder sein wohl gelungenstes Buch “Shiva Moon” über seine Reise durch Indien sind zwischen Journalismus und Poesie anzusiedeln. Er ist ein scharfer Beobachter und ein sanfter Schreiber. In “African Queen” erklärt er das Verhältnis der Afrikaner zur Zeit so: “Sie schlagen sie nicht tot, sie verhaften sie nicht und sperren sie in Terminkalender, um ihr einmal in der Woche Ausgang zu geben, nein für sie ist Zeit ein Ozean, und sie planschen darin.” Doch in aller Begeisterung für den Kontinent, Afrika scheint ihn nicht so zu beeindrucken wie Indien, der ewige Sehnsuchtsort.

Die Besucher in der Backfabrik sind jung, machen wahrscheinlich irgendwas mit Medien, träumen vom Reisen und lachen mit Timmerberg. Der sieht aus, als käme er gerade aus der Wüste: Cargohose, irgendeine Jacke, Turnschuhe, kinnlange Haare, Vollbart. Nur der Rucksack fehlt. Er erzählt eine Anekdote nach der anderen, damit er besser Luft bekommt fürs Lesen, macht seine Gürtel auf, spielt “The House of the Rising Sun” auf der Gitarre, singt mit geschlossenen Augen.

Der Mann scheint alles erlebt zu haben. Drogen, Alkohol, Prostituierte und er liebt Freddy Quinn. Trotzdem muss man ihn mögen. Nur eines ist diesmal anders. Timmerberg ist reisemüde geworden. In Afrika überfällt ihn die Sehnsucht nach zu Hause. Er will endlich ankommen. Mit Hilfe seines Liedes “Ich will heim” und fantasievoll ausgeschmückten Horrorgeschichten von Krokodilen quatscht er Lisa schließlich aus der Lodge raus. Doch seine Freundin hat noch lange nicht genug. Ob die beiden glücklich werden, bleibt offen. Aber Timmerberg weiß, dass es am Ende ist wie immer. Die Reise fängt gerade erst an.

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Jetzt habe ich auch eins. Laßt es uns hier gemütlich machen. Noch bin ich da locker. Die Grundeinrichtung steht. Ein paar Bücher, ein paar Videos und hier der Pudding Shop. Ich schlage vor, hier treffen wir uns.

Das Original steht gegenüber der Blauen Moschee in Istanbul. Der Laden ist legändär. 1970 war es der Treffpunkt der Hippies, die nach Indien wollten, oder die von Indien zurück kamen. Damals, ich wage es kaum zu sagen, gab es noch kein Internet. Aber auch offline kann geil sein. Alles was ich über die nächsten 5000 Kilometer nach Osten wissen musste, erfuhr ich im Puddingshop. So in etwa stelle ich mir das hier vor. Und esst einen Pudding, immer wenn ihr auf diese Seite geht.