Süddeutsche Zeitung, Literatur Reisebuch, 16. März 2010

, 31. März 2015

Auf Adrenalin

Du sollst nicht langweilen! Helge Timmerberg testet die Grenzen seiner Reisefreiheit

Helge Timmerbergs Stories von unterwegs beginnen mit einer echten Timmerberg-Situation: Der Autor, 17 Jahre alt, reist 1970 im Minibus durchs wilde Kurdistan in Richtung iranische Grenze. Die mitreisenden Muslime wollen wissen, was er von Mohammed hält. Timmerberg antwortet, der Prophet und Jesus und Buddah seien alle eins, wie auch die Menschen alle gleich seien. Dafür werfen sie ihn aus dem Bus, ein halbes Dutzend Passagiere aus dem Westen kann es nicht verhindern. Er landet im Schnee, mitten in der Nacht, die Wölfe heulen. Und was lernt Timmerberg daraus? Erstens: Die Menschen sind doch nicht alle gleich. Zweitens: “Sechs Hippies waren schwächer als vier Mohammedaner” – ein Satz, der seiner Meinung nach die ganzen siebziger Jahre erklärt. Drittens, und das ist auf die Wölfe bezogen: “Adrenalin ist an und für sich nicht bösartig, sondern ein befreundetes Hormon.”

Das Gute an Reisegeschichten im Stile Timmerbergs, was das Fabulieren angeht: Niemand kann sie überprüfen. Aber das Beste: Sie sind niemals langweilig. Timmerberg, das bedeutet: garantiert keine öden Landschaftsbeschreibungen, keine einschläfernden Fakten. Dafür ein Bekenntnis zur gnadenlosen Subjektivität, ein klares Nein zum Objektivitätsanspruch des Journalismus.

Viele der in seinem neuen Band “Der Jesus vom Sexshop” versammelten Reportagen sind zwischen 1982 und 2009 in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften von Tempo bis Neue Zürcher Zeitung und SZ-Magazin erschienen. Timmerberg hat die Texte für die Buchfassung überarbeitet. Es sind Stories, die auf Adrenalin, auf Testosteron und diversen anderen, die Wahrnehmung beeinflussenden Substanzen geschrieben worden sind. Dabei steht sie in der Tradition des Ur-Reiseberichts, der Abenteuergeschichte. Der Held ist gebrochen. Sein Unterwegssein ist permanente Selbstfindung vor exotischer Kulisse. Er zieht drauflos, weiß manchmal selbst nicht, was er tut, und besteht gerade deshalb alle Prüfungen. Er hat eine gute Zeit, muss letztendlich aber scheitern. Denn sein eigentliches Ziel, die Freiheit, erreicht er, wenn überhaupt, dann nur für kurze, glückliche Momente. Im letzten Kapitel schreibt Timmerberg zusammenfassend, er sehne sich danach, frei zu sein vom Drang nach Freiheit, der längst auch eine Form von Unfreiheit für ihn darstellt.

Die größte Freiheit spürt er bei den Goldsuchern am Amazonas. Er begleitet sie auf einem wahnwitzigen Marsch durch den Dschungel. Freiheit heißt hier: keine Bosse, keine Polizei, keine Frauen. Aber Schlangen und Jaguare, Moskitos und Malaria sind auch keine Alternativen zu den Zwängen der Zivilisation.

Und was erlebt er noch? Den Kampf der Thaiboxer gegen die Armut. Fiese Taxifahrer. Einen LSD-Trip bei Karstadt. Seine Bandscheiben bei einem Kamelritt. Die Kundschaft in einem Sexshop, dessen fürsorglicher Besitzer dem Buch den Titel gab. Egal ob die Stories in Bangkok, Bielefeld, Marrakesch oder Hamburg spielen, es geht immer ums Gleiche, ums Ganze, Große: Liebe, Geld und Tod. Das ist die Romantik eines abgeklärten Hippies.

Jochen Temsch

Frankfurter Rundschau

, 31. März 2015

“Ich bin nur schmerzfrei, wenn ich schreibe”

 Der deutsche Reisejournalist Helge Timmerberg hat für sein jüngstes Buch Afrika erkundet – zusammen mit seiner Wiener „African Queen“. Ein Gespräch über das Abenteuer Liebe, Midlife-Crisis auf Kuba, Erschütterungen eines Sechzigjährigen, rettende Arbeit und die Erkenntnis, dass auch die Freiheit ein Diktator sein kann.

Von Teresa Schaur-Wünsch

Es ist ungewohnt, auf jemanden zu warten, der für den Notfall einer Verspätung kein Handy hat. Warum haben Sie denn keins?

Helge Timmerberg: Das hab ich vor vier Jahren weggeworfen, ich glaube in einen Fluss. Ich hatte Wut auf meine Freundin. Danach fand ich es ganz gut, keines zu haben. Auch, weil ich am Telefon schwer Nein sagen kann. Außerdem hat mir ein Kollege erzählt, was in Kalifornien ehernes Gesetz ist: Je weniger du erreichbar bist, desto höher ist dein Image. Aber da hatte ich das Handy auch schon weggeworfen. Seit Kurzem denke ich aber, dass ich das wieder ändern will. Kein Handy zu haben, schwächt mich auf einer Ebene, auf der ich sowieso schwach bin: der Fähigkeit zur Konfrontation.

Man glaubt, Sie wären schon überall gewesen. Dabei waren Sie 40 Jahre lang nicht in Afrika.

Nur eine Woche, in den Achtzigern in Ruanda. Aber sonst …

Warum denn nicht?

Weiß nicht. Wenn ich wählen könnte, würde ich mich wohl immer nach Indien beamen. Andere Kulturen bedeuten ja nicht nur andere Häuser, sondern auch andere seelische Qualitäten. In Indien fällt immer alles von mir ab, was nicht mit den letzten Fragen der Seele zu tun hat. Indien war auch meine erste Reise, mit 17, und die erste Reise ist immer prägend. Dem Orient war ich über Jahrzehnte verfallen, in Südamerika hatte ich eine gute Zeit. Aber Afrika? Im Nachhinein habe ich es ein bisschen verstanden: Mich faszinieren ja immer die Kultur, die Städte, und Afrika hatte nie eine Hochkultur.

Haben Sie dann doch etwas mitgenommen, das Ihnen gefallen hat?

Doch, dass die Afrikaner alles aussitzen können. Dass sie im reinen Sein versickern können. Im Senegal bin ich eine Woche nur auf dem Dach des Gästehauses gesessen und hab aufs Meer und auf die Straße geschaut. Muss man denn immer etwas hinterherlaufen? Ist doch toll, wenn es nicht reinregnet und man genug zu essen hat.

Es ging auf dieser Reise ja auch nicht nur um Afrika, sondern auch um das Abenteuer Liebe. Was ist so schwierig an der Liebe?

Mein ganzes Leben war geprägt von der Sehnsucht nach Freiheit. Ich hab immer umgekehrt getickt: Ich habe schon seit 20 Jahren kein Auto mehr und fühle mich dadurch nicht arm, sondern frei. Ich habe auch nie einen Vertrag bei Redaktionen unterschrieben. Ich wollte immer das Gefühl: Wenn mir etwas nicht passt, brauch ich mich nur umdrehen und tschüss. Ich werde wütend, wenn mir meine Freiheit genommen wird. Und Liebe befreit ja total – wenn es die reine, philosophische Liebe ist, die sich dadurch erfüllt, dass sie geben darf. Aber das, was wir Liebe nennen, hat damit wenig zu tun. Wir wollen dann haben und verbieten. Also reden wir mal über Beziehung: Beziehung habe ich immer als eine Mischung aus Lust und Angst erfahren. Angst, dass der andere geht. Und es ist 30 Jahre her, dass ich mit einer Frau auf Reisen war.

Wie war es denn diesmal?

Das Schöne ist: Du kannst selbst in Kaschemmen absteigen und bist nicht allein mit den Kakerlaken. Aber dann will ich nach rechts und sie nach links … Dazu kommt das Abenteuer der Verletzbarkeit: Ich hab‘ den Eindruck, bei mir ist das besonders schlimm, wie eine Achillesferse. Liebeskummer kann mich fast umbringen. Da ist Schluss mit cool. Inzwischen geht es bei uns aber ums Zusammenziehen. Was Blut und Schweiß auf die Stirn bringt … Ich bin mein ganzes Leben allein gewesen. Und plötzlich kommt man in Umstände, in denen man nicht professionell ist.

Hätten Sie damit gerechnet, dass es Sie mit 60 noch einmal so erschüttert?

Ich finde es komisch. Im letzten Buch, „Der Jesus vom Sexshop“, hieß die letzte Geschichte „Freiheit von der Freiheit“. Da hab ich das einmal philosophisch durchgekaut. Und die Dinge aufgezeichnet, die ich früher frei genannt habe, die aber nicht frei sind. Im Regen im Amazonas bist du frei von der Zivilisation, von Gesetzen, Polizei, Ehefrau, du kannst machen, was du willst. Aber du bist nicht frei von den Gesetzen des Regenwalds, und die sind mindestens genauso hart. Und ich kam drauf, dass auch die Freiheit ein unheimlicher Diktator sein kann, weil sie ständig sagt: „Du musst frei sein!“ Und dich am Genießen hindert. Die Freiheit kann sich zu einem Sklaventreiber aufspielen. Und stellt sich am Ende womöglich als komplette Chimäre heraus. Das Projekt „Freiheit von der Freiheit“ habe ich jetzt geliefert bekommen. In der Beziehung bin ich jetzt frei von Einsamkeit und den vielen Nächten, in denen du an die Wand schaust und denkst, um Himmels willen, was ist aus meinem Leben geworden. Aber ich rebelliere immer noch. Die Wienerin ist anspruchsvoll.

Sie meinten einmal, die beste Zeit ihres Lebens sei auf Kuba gewesen, als sie von dort Leute-Geschichten für die „Bunte“ schrieben.

Das lag an der Zeit und den Lebensumständen. Ich war Anfang, Mitte 40, das ist ein sehr spezielles Alter für einen Mann. Für einen zweiten Frühling ist Havanna, wenn man Geld hat, das Königreich. Ich brauchte nur einmal pro Woche zu arbeiten. Die Musik, die Salsapartys. Alte Chevys, junge Frauen, mittelalter Rum: diese Mischung. Die kubanische Kultur hat wohl eine der freiesten Einstellungen zur Sexualität. Auf einer Insel entwickeln sich die Dinge oft anders. Dann der Kommunismus: Über Jahrzehnte haben sie sich gelangweilt, die hatten nur den Sex. Außerdem ging dauernd das Licht aus. Nach einer Woche will dich die Familie kennenlernen … Und dann siehst du natürlich, dass sie keinen Kühlschrank haben, und die Oma braucht Medizin. Es geht immer ums Geld, aber auch um Emotion. Das kann man nicht so auseinanderhalten. Nach zwei Jahren hab ich den Job verloren. Außerdem habe ich in Kuba angefangen, richtig viel zu trinken und auch zu koksen.

Nüchtern wurden Sie dann in Wien?

Über eine Freundin kam ein Angebot aus Wien. Wenn ich hier rausgehen wollte, kubamäßig, habe ich festgestellt, dass ich der Einzige bin, der grade Gas gibt. Ich wurde ruckzuck gesund und kam in Form.

Inzwischen sind Sie 60: Was ist das Schlimmste am Älterwerden?

Da fällt mir nur eines ein: Dass man mit seinem Willen nicht mehr so jungfräulich ist. Mit 17, 18, als ich zu Schreiben anfing, kam eine Idee des Weges und ich bin sofort draufgesprungen. Man hat viel Kraft und so wenig Zweifel. Heute habe ich eine Idee und denke sehr lange darüber nach. Das ist schlimm. Mache ich dieses Buch oder jenes, das über die Österreicher oder eine journalistische Biografie? Manche haben mich ja auch als Berufsjugendlichen kritisiert. Aber ich hatte nie eine Phase, wo ich jünger sein wollte. Ich bin der Meinung, dass Glück oder Zufriedenheit stark damit zusammenhängen, dass man seine Altersphasen akzeptiert und auslebt. Am Ende steckt alles in einem drin, wie Jahresringe in einem Baum. Immer jung sein wollen ist nur Stress.

Geht man als Reisejournalist in Pension?

Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass ich ein sehr unzufriedener, zerrissener Mensch mit allen möglichen mentalen, emotionalen und geistigen Problemen bin. Und ich bin fast immer nur schmerzfrei, wenn ich schreibe. Da fallen diese ganzen Fragen, die die Menschheit seit Jahrtausenden quälen, flach. Das englische Wort „mind“ – das bezeichnet diesen Unhold in uns, der nie zur Ruhe kommt, ständig etwas bezweifelt oder will. Aber wenn ich schreibe, kommt nichts mehr an mich heran. Du fängst an, das Schreiben übernimmt, dann kommt das Unterbewusstsein rein, die Fantasie dockt an. Ich finde es noch besser als Sex. Noch ist es meine einzige Rettung. Oder eine von zwei.

Aber war Ihnen nicht die Reiselust abhandengekommen?

Auf der Afrikareise bin ich in Kairo an einen Ort gelangt, wo für mich einst das Reisen begonnen hatte. In einer Moschee, 1981 oder so. Ich saß dort im Innenhof, die Tauben gurrten und ich schaute irre lang auf den Staub auf meinen Füßen und war so stolz darauf wie andere Leute auf einen Jaguar. Da habe ich die Identität des Wanderers inhaliert. Ich wusste, jetzt geht’s los, es liegen tausend Geschichten vor mir. Dort war eine Kraft, die mich angefallen hat wie ein Tier. Diese Moschee habe ich wieder gesucht. Ich dachte, sie würde mir sagen: Es ist aus, du kannst die Wanderschuhe ausziehen. Die Botschaft war aber genau umgekehrt: Die Reise fängt gerade erst an. Ich kam raus und es war, als wäre ich das erste Mal auf einem Basar. Das ist der Stand der Dinge.

Darf man Sie auch fragen …

1 … ob es ein Medium gibt, für das Sie nie schreiben würden?

Für mich gibt es kein Lagerdenken. Ich habe für alle gearbeitet und weiß, dass alle gleich drauf sind. Der Rest ist Markenphilosophie. Dazu kommt, dass ich eine einfache Sprache habe. Das stört die bürgerlichen Medien nicht, im Boulevard ist es Voraussetzung. Ich finde den Boulevard reizvoll: Es ist ein wildes, schönes Tier. Ich fühle mich seinen Lesern näher.

2 … ob es eine Droge, gibt die sie nie probiert haben?

Heroin. Opium ein paarmal, wenn es des Weges kam.

3 … ob Sie von Ihren Reisen Souvenirs mitbringen?

Nur durch Zufall. In Kairo habe ich auf einem Slumbasar Unterhosen gekauft. Und in Mali ein super Hemd gefunden, italienisch, für 50 Cent. Hat wohl einer gespendet. Früher habe ich Tickets und Quittungen mitgenommen und an die Wand geklebt. Das Wichtigste war für mich immer, die Farbe einer Kultur mitzunehmen. In uns sind alle möglichen Farben des Menschseins drin, aber einige ausgelebter als andere.

Steckbrief

Helge Timmerberg wurde 1952 in Dorfitter in Hessen geboren und entschloss sich mit 17, im Himalaya, Journalist zu werden. Er schrieb Reisereportagen für “Spiegel”, “Stern”, “Süddeutsche”, “Die Zeit”, “Tempo”, “Bild”, “Playboy”, den “Wiener” u.a.

Er lebte unter anderem in Marrakesch und Havanna. Heute hat er eine Wohnung in St. Gallen.

2001 erschien sein Buch “Tiger fressen keine Yogis”, es folgten u.a. “Timmerbergs-Reise-ABC”, “Shiva Moon” oder “Der Jesus vom Sexshop”.

African Queen ist sein jüngstes Buch. Timmerberg bereiste dafür den letzten ihm noch unbekannten Kontinent – auf Wunsch und gemeinsam mit der Wiener Französischlehrerin Lisa, mit der er bis heute zusammen ist.

Berliner Zeitung, Feuilleton, 9. März 2012

, 31. März 2015

Die Löffelposition ist eine Chimäre

Reisen oder Liebe, was ist gefährlicher? Passend zur ITB erscheint heute das neue Buch von Helge Timmerberg

Von Sabine Vogel

Er ist mit Sicherheit der witzigste und gnadenloseste Reiseschriftsteller Deutschlands, er hat nichts ausgelassen an Abenteuern und Selbsterfahrungstrips, er kennt Asien, vor allem Indien seit seligen Hippiezeiten, aber in Afrika war er war noch nie. Das ist jetzt anders. Der entschiedene Einzelgänger Helge Timmerberg hat sich nämlich verliebt, in Lisa, eine Wienerin, die halb so alt wie er ist, und die zieht es nach Afrika, genauer in eine Edel-Lodge in Malawi, bei der sie sich als Managerin verdingt hat. Zwei gefährliche Abenteuer zugleich also, und um es ganz klar vorneweg zu sagen: Timmerberg hat nur Lust auf das eine, Lisa natürlich, und auf Afrika keine. Außerdem ist der bekennende Globaltrottel und Reportagen-Junkie langsam „überreist“. Afrika ist sein Konkurrent, sein Feind im Kampf um die Gunst von Lisa. Insofern kommt ihm die eklige Mückenattacke, die das Paradies gleich an ihrem Ankunftstag heimsucht, sehr gelegen.

Aber beim ersten Sonnenuntergang über der Savanne fallen Timmerberg nicht nur die ganzen orangeroten Schirmakazien-Buchcover –„Kapitulation der Kreativität“– der einschlägigen Frauenromane zum Thema ein, einschließlich Hardy Krüger und Mankell, angesichts der „Champions League der Reiseeindrücke“ (Schnee am Kilimandscharo!) gesteht er auch demütig seine eigene Überwältigung ein. Das kann er trotz seiner Reisemüdigkeit nämlich immer noch in umwerfender Frische: kindlich staunen über die Wunder der Welt und sich zugleich beim doofsten Kitsch – „Die Erinnerung der Gene!“ – zu ertappen.

Timmerberg kennt das ganze Klischeegewese um Mamma Africa und Wiege der Menschheit auswendig, aber er ist sich nie zu fein dafür, ihm dennoch zu erliegen. Ebenso wie seiner Höllenangst vor einem Monsterkrokodil. „Tief atmen nützt mir grad ’nen Scheiß.“ Mit weichen Knien stellt er fest, dass es einen Unterschied zwischen Fluchtreflex und Wassersport gibt, sinniert über die Nasenlöcher der Uferbestie und kommt zum Schluss: „Evolution ist faszinierend, ich würde sie gern verstehen.“

Timmerberg spielt gern den Ahnungslosen, allzeit bereit, sich auf noch einen Drink, ein Märchen, ein Abenteuer oder eine Erleuchtung einzulassen. Das ist ein prima Trick, sich die Neugierde auf die fabelhaften Merkwürdigkeiten des Fremden zu bewahren – und nebenbei die Methode des professionellen Geschichtenjägers, der zuerst mit offenen Sinnen hinsehen und hinhören können muss. Hinreißend zum Beispiel die Geschichte von Toni: Der ehemalige Tischler aus Rostock, „ein Ossi, klar,“ managt eine herrliche Nobel-Lodge. Die wird aber zusehends von Pavianen durch sanfte Übernahme „vergesellschaftet“. Weil Toni ein humanistisches Weichei ist, traut er sich nicht, die süßen Tierchen mit der Knarre zu vertreiben, was das einzig Richtige wäre. „Toni ist ein Pazifist, er ist zu weich für Afrika. Hat Moni ihn deshalb verlassen? Man weiß es nicht.“

Paviane, das lehrt ihn die teilnehmende Beobachtung in Tonis Lodge, kennen jedenfalls keine Scham. Ob sie einen Gott haben? Und wie sähe wohl ein Pavian-Playboy aus? Und schwupps kommt Timmerberg zur simplen Erkenntnis: „Manieren sind in Afrika Quatsch“. Pointierter wurde das Phänomen der „Verbuschung“ – Weiße werfen in Afrika Zivilisation ab – selten ausgedrückt. Und wo wir schon mal beim doppelt ironischen Rassismus sind: Mit seinem lapidaren Spruch „Zeigen wir ihnen (den Afrikanern), was Unglück ist!“, steckt Timmerberg locker mehrere Regalmeter an postcolonial studies-Ethnologie samt Dialektik der Aufklärung in die Tasche.

Er springt vom Großen ins Kleine und zurück, eine haarsträubende Geschichte jagt die nächste, er stellt hanebüchene Behauptungen auf, die er höchst einleuchtend mit einer weiteren komischen Anekdote begründet, wie ein psychedelischer Popliterat zitiert er sprudelnd aus Literatur, Popkultur, Filmen und Werbungskitsch, er praktiziert das wilde Denken so leichthändig, wie es nur durch langjähriges Kiffen gelingt. Und gerade wenn einem das Sperrfeuer aus seiner Kalauerkalaschnikow auf den Zeiger zu gehen droht, bremst er es aus mit einer Lebensweisheit von abgrundtief schlichter Schönheit. Wer würde abstreiten, dass in der Liebe gilt: „Wer Angst hat, den anderen zu verlieren, der nervt.“ Und „die Löffelposition ist eine Chimäre“.

Timmerbergs „hinterfotzig, genrephilosophisch, druckreif dahergeplapperter“ Sound aus Blasphemien, Blödeleien und Beobachtungslust reißt einen von der ersten Seite an mit und mit ihm durch halb Afrika. Im Senegal bietet man Trommelkurse, Aids und Ehen an. Dakar ist ein Labyrinth schlecht imitierter Zivilisation, eine Plastiktüten-Supernova, und der „romantische Materialist“ oder auch alte Gockel (Selbsteinschätzung) erliegt kurz mal dem Voodoo-Zauber einer schönen jungen Hexe.

Nach dem Motto „Lieber Vorschuss statt Streifschuss“ steigt Timmerberg zwar auch gern mal im Hilton von Addis Abeba ab, aber das „Afrikanische Fieber“ eines Ryszard Kapuscinski holt man sich halt leichter auf der Gasse und in der Gosse. Wenn’s der Geschichte dient, lässt Timmerberg sich immer gerne überrumpeln, übern Tisch ziehen, verarschen, ausnutzen, hereinlegen, übertölpeln oder eben überwältigen. Grenzen sind dazu da, sie zu übertreten, sonst kann man zu Hause bleiben. Weil auf Sansibar alles so märchenhaft vermischt ist, Indien, Arabien, sogar ein Hauch Thailand, erlaubt Timmerberg sich die Steigerung des unsteigerbaren Adjektivs „wunderbar“ zu „sansibar“.

Was zwanglos überleitet zu: Das „Serengeti“ darf nicht sterben! Gemeint ist damit eine der drei Biermarken Tansanias, die aber alle so „sansibar“ sind, wie Timmerbergs selbstironisch geschilderter Afrikatrip. Wie es mit Lisa weiterging, erzählt er nicht. Aber „unter allen Möglichkeiten, sich wortlos zu bedanken, gilt ein kühles Bier nicht als die schlechteste“.

 

 

Berliner Morgenpost, Kultur, 25. April 2012

Zwischen Kakerlaken und Krokodilen

Ein Mann fürs Herz: Helge Timmerberg sucht die Abenteuer in Afrika und in der Liebe

Von Eva Lindner

Wie geht es Lisa? Der erste Zwischenruf, kommt nach zwei Minuten. Helge Timmerberg lässt sich nur allzu gerne aus dem Konzept bringen. In den nächsten Stunden wird er sich selbst ein Stichwort nach dem nächsten geben und sein Publikum mit auf eine Reise durch seine Erinnerungen aus 40 Jahre Reisejournalismus nehmen. In Köln sei seine Lesung neulich toll gewesen, sie habe viereinhalb Stunden gedauert und er habe keine Zeile gelesen. Nur erzählt und Gitarre gespielt.

Aber zurück zu Lisa. Alle wollen an diesem Abend in der Backfabrik in Prenzlauer Berg wissen, ob die beiden noch zusammen sind. Lisa ist die Frau, die Timmerberg – der fast überall auf der Welt war – dazu gebracht hat, nach Afrika zu reisen – wo er nie hin wollte. In seinem neuen Buch “African Queen” schreibt er über seine Erlebnisse auf dem schwarzen Kontinent, von Krokodilen, Korruption, Kakerlaken, Überfällen, Safaris, Voodoo und Malaria. Und trotzdem spielt Afrika nur die Nebenrolle. Die Hauptrolle spielt das größte Abenteuer von allen: Die Liebe.

Die Beziehung zu der Frau, die ein Vierteljahrhundert jünger ist als der 60-jährige Autor, stürmt auf und ab, wie die Wellen des Malawisees, an dem Lisa für drei Monate in einer Lodge arbeitet. Timmerberg begleitet sie “ins Paradies”, damit er sicher gehen kann, dass sie es auch wieder verlässt. Lisa ist zerrissen zwischen der Liebe zu Afrika und dem Abenteurer.

Der Hesse schreibt über seine Abenteuer seitdem er, wie er sagt, im Himalaya eine Eingebung hatte. Damals war er 17 Jahre alt. Heute ist er der wohl beste Reiseschriftsteller Deutschlands. Ja, es gibt Andreas Altmann und da ist auch noch Christian Kracht. Aber dem einen fehlt die Leichtigkeit, dem anderen die Demut. Auch Timmerberg ist eitel, aber auf liebenswerte Art. Wenn er einen Satz zweimal vorliest, weil er ihn “so geil” findet und dann ins Publikum strahlt, wie ein Siebenjähriger, der gerade einen Goldschatz gehoben hat, muss man einfach mitlachen. Seine Geschichten wie “Tiger fressen keine Yogis”, “Der Jesus vom Sexshop” oder sein wohl gelungenstes Buch “Shiva Moon” über seine Reise durch Indien sind zwischen Journalismus und Poesie anzusiedeln. Er ist ein scharfer Beobachter und ein sanfter Schreiber. In “African Queen” erklärt er das Verhältnis der Afrikaner zur Zeit so: “Sie schlagen sie nicht tot, sie verhaften sie nicht und sperren sie in Terminkalender, um ihr einmal in der Woche Ausgang zu geben, nein für sie ist Zeit ein Ozean, und sie planschen darin.” Doch in aller Begeisterung für den Kontinent, Afrika scheint ihn nicht so zu beeindrucken wie Indien, der ewige Sehnsuchtsort.

Die Besucher in der Backfabrik sind jung, machen wahrscheinlich irgendwas mit Medien, träumen vom Reisen und lachen mit Timmerberg. Der sieht aus, als käme er gerade aus der Wüste: Cargohose, irgendeine Jacke, Turnschuhe, kinnlange Haare, Vollbart. Nur der Rucksack fehlt. Er erzählt eine Anekdote nach der anderen, damit er besser Luft bekommt fürs Lesen, macht seine Gürtel auf, spielt “The House of the Rising Sun” auf der Gitarre, singt mit geschlossenen Augen.

Der Mann scheint alles erlebt zu haben. Drogen, Alkohol, Prostituierte und er liebt Freddy Quinn. Trotzdem muss man ihn mögen. Nur eines ist diesmal anders. Timmerberg ist reisemüde geworden. In Afrika überfällt ihn die Sehnsucht nach zu Hause. Er will endlich ankommen. Mit Hilfe seines Liedes “Ich will heim” und fantasievoll ausgeschmückten Horrorgeschichten von Krokodilen quatscht er Lisa schließlich aus der Lodge raus. Doch seine Freundin hat noch lange nicht genug. Ob die beiden glücklich werden, bleibt offen. Aber Timmerberg weiß, dass es am Ende ist wie immer. Die Reise fängt gerade erst an.

Der Tagesspiegel, Kultur, 11. Juli 2007

, 31. März 2015

“Sonnenbrillen machen feige”

 Schreiben und reisen: Helge Timmerberg über dramatische Orte, wilde Tiere und kubanischen Rum

Herr Timmerberg, Sie sind gerade in Mexiko. Beschreiben Sie doch kurz, wo genau, und was Sie sehen, hören und riechen?

Ich bin in einem Internet-Shop auf der Donceles, das ist eine Straße im alten Viertel von Mexiko-City, direkt hinter dem Zocalo-Platz, an dem die große Kathedrale steht und auf dem Shakira vor kurzem vor 300 000 Leuten ein Konzert gegeben hat. Die hübsche Bedienung eines Coffeeshops um die Ecke war da und hat erzählt, es hätte allen den Kopf weggeblasen. Ich sehe karibisches Licht, höre Autos, Hupen, Stimmen, rieche eine Mischung aus Diesel, Schweiz, Bohnen und Parfüm und fühle ein bisschen Wind, der durch das offene Fenster weht.

Wie riecht denn die Schweiz in Mexiko?

Die Schweiz riecht nach gesunden Kühen, sauberen Bergen, sehr netten Bankern und erlebnishungrigen Freunden, die mich gerade beneiden.

Das kann ich mir vorstellen. Vor wenigen Tagen waren Sie noch in Tokio, bald geht es weiter nach Kuba. Reisen Sie in 80 Tagen um die Welt?

Genau. Vorher war ich in Hongkong, Bangkok, Bombay, Kairo, Kreta, Athen, Venedig. Für mein neues Buch, das nächstes Jahr erscheint. Die Route ist grob festgelegt, aber ich habe die Freiheit, sie zu ändern, wo ich will. Eigentlich weiß ich immer erst ein, zwei Tage vorher, wann es weitergeht. Und wohin genau.

Was für Orte ziehen Sie an? Was ist ein guter Ort?

Das ist schwer zu beantworten. Es ist eine Mischung. Chemie. Klima, Atmosphäre, Architektur, Sprache. Wie sind die Menschen? Was für ein Geist herrscht da? Und der ändert sich auch über die Jahre. Als ich zum ersten Mal nach Marrakesch kam, küsste ich den Boden. So gut gefiel mir die Stadt. Inzwischen ist sie von Touristen überlaufen und ihre Magie fast dahin. Ich sage fast, weil ich dort mit Freunden ein Haus habe. Oder Bangkok. Ich war Mitte der achtziger Jahre erstmals da, in dieser Zeit befand sich die Stadt in einem Rausch. Die Tigerstaaten legten wirtschaftlich gerade los, das merkte man an jeder Ecke. Die Leute waren optimistisch, ja, euphorisch, das riss mich mit. Inzwischen geht es den Thailändern nicht mehr so gut. Die Stimmung ist dahin.

Wie läuft das, wenn Sie nur wenige Tage an einem Ort bleiben. Gibt es eine Art Moment, den Sie erleben müssen, etwas Erfülltes, bevor Sie weiterreisen können?

Ja, genauso ist es. Ich muss den Eindruck haben, etwas gefunden zu haben. Etwas, dass ich mitnehmen kann, das meinen Aufenthalt in der Stadt sinnvoll macht. Irgendetwas, von dem ich später erzählen und schreiben kann. Es gibt auch kleine Begegnungen, die große Wirkung haben. Es ist wie Schatzsuchen. Davon handelt auch dieses Buch. Ich reise einmal rund um die Erde und will lernen.

Gibt es auch Länder oder Städte ohne dramatisches Potenzial? Wo nichts passiert?

Langeweile ist ja eigentlich ein dramatisch unangenehmes Gefühl. Weil es einen auf sich selbst zurückwirft. Deshalb gibt es kein undramatisches Land. Hongkong zum Beispiel. Total langweilige Stadt. Zu klein, um nicht alles in null Komma nix gesehen zu haben. Nur Business oder Shopping. Ich hasse Einkaufen. Also habe ich den Fernseher im Hotel angemacht und Glück gehabt. Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“. Hatte ich noch nicht gesehen. Ein geiler Film in einer blöden Stadt. Übrigens: Können wir eine Pause machen? Die Kubaner erinnern mich via Mail gerade daran, dass sie dringend meine Ankunftszeit in Havanna brauchen. Ich muss jetzt unbedingt ins Reisebüro. Außerdem habe ich Hunger.

Zwei Tage später: Die Kubaner nerven jetzt schon mit ihrer Kontrollwut. Ich habe sie geärgert, weil ich den letzten Flieger genommen habe. Jetzt muss die Dame um 23 Uhr am Flughafen auf mich warten. Überhaupt gefällt mir Mexiko-City besser, als ich geglaubt hatte. Ich hatte hier nur drei Tage eingeplant, weil ich mich so auf Kuba gefreut habe. Vielleicht blase ich Kuba jetzt ab. Oder bleibe da nur drei Tage. Ich weiß ja nicht, was mich erwartet. Ich habe zwei Jahre, von 1995 bis ’97, in Havanna gelebt, aber das waren sehr spezielle Jahre.

Inwiefern?

Die Kubaner durften Dollars besitzen und kleine Geschäfte machen. Es wehte ein freier Wind, das Nachtleben war das beste der Welt. Castro hat dann alle Schrauben wieder angezogen. Stelle ich jetzt fest, dass dort die DDR wieder eingezogen ist, bin ich schnell zurück.

Was haben Sie damals in Kuba gemacht?

Sehr viel gelebt und sehr wenig geschrieben. War die beste Zeit meines Lebens. Ich hatte den besten Job der Welt. Die Leute-Seiten der „Bunten“. Franz Josef Wagner suchte in München aus, wer von heute, gestern oder morgen ist, sie schickten mir per Fax Archivmaterial über diese Promis und ich schrieb jeweils rund 20 Zeilen daraus. Das konnte ich von überall auf der Welt machen. Und immer nur donnerstags. Das wurde gut bezahlt. Der eine Tag Arbeit reichte für die Woche. Die anderen Tage tanzte und soff ich durch. Ich hatte davor eigentlich kaum Alkohol getrunken. Bin ja ein Kiffer. Aber in Havanna kam ich auf den Geschmack. Rum. Havanna Club. Nach zwei Jahren war ich dermaßen daneben, dass ich freiwillig die Insel meiner Träume verließ.

Und wo wohnen Sie jetzt?

Ich pendele zwischen St.Gallen und Marrakesch. Und meine Freundin lebt in Berlin.

Sie haben einmal gesagt, Sie schreiben keine Romane, weil Sie die Wirklichkeit für verrückt genug halten. Jetzt ist „Das Haus der sprechenden Tiere“ als Fabel ja fast ein Roman geworden. Wie kam es dazu? Wieder eine Epiphanie, wie damals, als Ihnen als Siebzehnjähriger eine Stimme beim Meditieren in Indien sagte, Sie sollten Journalist werden?

Ich saß in unserem Haus in Marrakesch und wollte Urlaub machen. Ich war allein dort, das ist selten. Das Haus ist sehr groß, der Innenhof auch. Wir haben keinen Fernseher. Nur viele Kerzen, einen Springbrunnen und Vögel in den Bäumen. Die ersten drei Abende war das merkwürdig, so allein in einem 9-Zimmer-Riad. In der vierten Nacht kam die Idee zu dem Buch. Ich fing sofort an. Erst wollte ich nur die Katze sprechen lassen. Aber dann, wir haben ja Demokratie, haben alle gequatscht. Das Schöne an dem Buch ist, dass eigentlich alles stimmt. Wir hatten eine Katze, eine Schildkröte, neun Chamäleons, ein afrikanisches Streifenhörnchen, einen Wüsten-Waran und dann noch dieses kleine Wildschwein…

…Haluf genannt. Es geht um die rührende Liebe zwischen dem Kätzchen Putzi und eben diesem Wildschweinbaby. Doch die beiden kommen nicht zusammen. Entschuldigen Sie, wenn ich so direkt frage: Was ist die Moral von der Geschicht’?

Es gibt Beziehungen, die keine sein sollten, weil sie nicht funktionieren. Weil da zwei zusammengekommen sind, die gegensätzliche Bedürfnisse haben. Die Katze braucht das Alleinsein, das Schwein braucht ständig Gesellschaft. Solche Beziehungsmodelle gibt es auch bei Menschen, sie sind eigentlich Unfälle. Da sollte man sich besser trennen.

Am Ende gründen beide eine Ihrer Gattung entsprechende Familie. Obwohl: Putzi hat zwar viele Kinder, aber auch viele um sie herumschnurrende Kater. Trotzdem: Da klingt die Sehnsucht nach geordneter Sesshaftigkeit durch.

Klar. Nach 30 Jahren Reisen will man ganz gern auch mal bleiben. Ist aber ziemlich schwer, weil die Mechanik in einem immer wieder auf die Straße drängt. Ich meine, wie lange soll das noch so weitergehen? Reisen, bis die Krücken brechen?

Haben Sie auf dieser Reise schon eine Ihrer Ray-Ban-Sonnenbrillen verloren?

Ich trage keine Sonnenbrillen mehr. Weil es kontraproduktiv ist. Sonnenlicht aktiviert Glückshormone, die Sonnenbrillen abblocken. Außerdem sind Sonnenbrillen ein Zeichen von Feigheit. Denn in den Augen kann man alles sehen. Sonnenbrillen sind der Schleier des Westens.

Das Gespräch führte Andreas Schäfer.

die tageszeitung, kultur, 2. Juni 2003

, 31. März 2015

Per High Peak ins Glück

Nichts ist so aufregend wie die Wahrheit: Helge Timmerberg ist der legitime Erbe von Hunter S. Thompson und ein Meister des Gonzo-Journalismus. In seinem neuen Buch “Schneekönig” erzählt er die Geschichte von Ronald Miehling, der Deutschlands größter Kokainimporteur war. Ein Porträt.

Von Hennig Kober

Es ist die Pest. Wohin wir Hasen auch hoppeln, egal welche Nacht, welche Stadt, welches Land, ein Igel ist immer schon da: Rocketmaster Kokain ist der Host jeder Nacht. Keine kann so großartig sein, dass nicht mindestens ein, zwei, ein Dutzend Gesichter sagen: Willst du? Hast du? Kennst du jemand? Augen blinken, Finger fahren über den Nasenrücken. Das Unvermeidliche geht los. Geschnupft wird verborgen in den Toiletten, öffentlich in entspannten Clubs, überall. Koks, ein schön schrecklicher Stoff.

Helge Timmerberg heißt der Autor, der jetzt das bisher beste Buch über die Sprungfeder unserer Sehnsüchte geschrieben hat. “Schneekönig” erzählt die wahre Geschichte von Ronald Miehling. Anfang der Neunzigerjahre Deutschlands größter Kokainimporteur. Kleine Leseprobe: “Ich nahm Rührei, Schinken, kleine Würstchen und durchgebratenen Speck und genoss das Klima und das für die Karibik so typische Licht. Ich muss sagen, das hatte schon was. Aufs Meer hinausschauen, die Dünung beobachten und warten, dass das Kokain billiger wird.” Ales freie, wahre Sätze, die man lange nicht gelsen hat und die von jemand stammen, der sich selbst Gonzo-Journalist und Abenteurer nennt.

Es ist Sonntagnachmittag, die Sonne lächelt über Berlin, die Stimmerung ist sanft. Helge Timmerberg wohnt im Westen Berlins, neben der Hauptstadtvertretung von Mercedes-Benz. Funkelnde Traumautos stehen vor dem riesigen Glaspalast. Deneben eingezwängt zwischen frischen Baugruben ein störender Fleck, zumindest aus Sicht des schwäbischen Autobauers: ein orangefarbenes älteres Haus. Unten ein Puff, darüber ein Steuerberater, mehrere Künstler und Helge Timmerberg. Ein bunter Mikrokosmos des Lebens direkt neben der Welt des New Berlin. Es gibt Kaffee in der schmalen Küche, an den Fliesen kleben Polaroids. Auf jeder Fliese eins. Zu sehen sind unterschiedlichst aussehende Menschen, die offensichtlich auf der ganzen Welt zu Hause sind. Es sind Bekanntschaften, die Helge Timmerberg auf seinen Reisen geschlossen hat.

Auf und über diese Touren, die den Autor in über 190 Länder dieser Welt führten, hat Timmerberg viele schöne Geschichten geschrieben, die oft in Tempo, dessen Stil er mitprägte, und später auch in anderen Magazinen erschienen sind. Sie klingen anders als das, was man sonst lesen kann. Subjektiver, gefühlvoller, wahrer erscheinen sie dem Leser. Keine klassischen szenischen Einstiege verhusten den Atem seiner Reportagen. Anreise, Autragsbedingungen, Stimmung und Eigenheiten des Autors, oft beeinflusst durch Drogen, sind die ersten Zeilen.

“Gonzo”, das spanische Wort für verrückt, nennt sich diese Art von Journalismus oder auch “New Journalism”. Wie jede Kunst hat auch die des Helge Timmerberg ein Vorbild: Hunter S. Thompson, Verfasser von “Fear and Loathing in Las Vegas”. Gonzo ist die ehrlichste, dichteste und aufregendste Form zu erzählen.

Auffälligstes Charaktermerkmal: die Enttabuisierung des Wörtchens “ich”. Was kann es für den Leser Interessanteres geben, als dabei zu sein, wenn sich ein Autor mit seiner Welt auseinander setzt? Nachrichten sind eine andere Kategorie. Gemeines Unglück, dass es zumindest zur Zeit so scheint, als wäre es den Traditionalisten in den Redaktionsstuben gelungen, diese Form des Schreibens mit dem von ihnen erfundenen Begriff “Popjournalismus” zu diskreditieren. Jetzt aber liegt ein ganzes Buch voller Zaubersätze vor uns. “Schneekönig” ist kein Roman, sondern eine Biografie, denn nichts so aufregend ist wie die Wahrheit, so Timmerberg.

 Ronald Miehling ist Hamburger, Polizistensohn, Lude, Knacki, aber eine ehrliche Haut. Seine Geschichte erzählt von einem Mann, der Sehnsucht nach dem Abenteuer hat, Geborgenheit bei Frauen, besonders bei Prostituierten sucht und sich dem Seelenkiller des braven Lebens verweigert. Aufregende Arten, seine Tage zu kitzeln, gibt es genug. Als Miehling, der von seinen Freunden Blacky genannt wird, frisch aus dem Gefängnis entlassen, in die Karibik reist, schein er seinen Spielplatz gefunden zu haben. Auf Curacao gibt es ein Licht, das der Seele schmeichelt, und was Blacky noch besser gefällt: Der Sextourismus floriert, und der Kokaineinkauf ist ein Spiel für große Kinder.

Am Ende der Reise landen zwei Kilogramm reines Kokain sicher auf dem Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel. Abnehmer gibt es genug, Blacky verkauft an so genannte Spaßgesellschaftskunden: Besserverdienende, die den Spaß am Turbo-Effekt des weißen Magicpulvers schätzen. Alles läuft großartig, Miehling ist dabei. Die Schulden sind weg, das Geld lässt sich bald nicht mal mehr mit Hilfe der verschwendungssüchtigen Ehefrau ausgeben. Die Plastiktüten voller Geldscheine werden nicht mehr gezählt, sondern gewogen. Miehling kauft sich ein Mercedes 500 SL-Cabrio, das jeden Bullenwagen stehen lässt. Bald geht es um Deals mit Kolumbien. Aus zwei Kilo werden 250. Aus ein paar hundertausend 15 Millionen Gewinn. Blacky heißt jetzt Jag War. Irgendwann fängt die Hatz mit der Polizei an, Jag War überlebt, entkommt am Ende nach Kolumbien. Die Fahnder des BND suchen, finden ihn. Auch sie koksen und huren. Es scheint nur ein Spiel zu geben: ob Bulle oder Drogenhändler, ist nur eine Frage der Perspektive. Am Ende siegt das System. Die Überwachung aller Vertrauten aus Deutschland. Gegen das Heimweh ist noch kein Kraut gewachsen, noch kein Schnee erfunden. 2003 sitzt Ronald Miehling neuen Jahre im Gefängnis. Dreieinhalb Jahre bleiben ihm noch. “Dann ist er mit der Gesellschaft absolut im Reinen, hat für alles bezahlt”, sagt Timmerberg und steckt sich eine starke Marlboro an. Das Wort Reue taucht in seinem Buch mit keiner Silbe auf. Was nicht heißt, dass hier ein Priester des Koks vor uns sitzt. “Ich hab inzwischen eine Allergie gegen das Zeugs”, sagt er. “Zwei Jahre geht es ganz prima, man explodiert so richtig, aber dann kommt die Persönlichkeitsveränderung.”

Man glaubt ihm. Hier sitzt jemand, der aus Erfahrung spricht, und die macht manchmal sogar klug. Erscheint in der Sonntagszeitung aus Zürich eine empörte Rezension: “Kein Wort von den Opfern, kein Wort von Wirtschaft und Politik!”, hat Timmerberg sie wahrscheinlich gar nicht gelesen. “Weißt du, ich lese nicht viel, ich schaue lieber Filme.” Wir fragen, welche Texte er heute denn gern liest, falls er liest. “Matussek mag ich, den Christian (Kracht) auch und Tom Kummer, egal was die alle über ihn sagen.” Punkt. Da gibt es nichts nachzufragen.

Dafür: “Gab es nach Tempo nach mal ein vergleichbar tolles Magazin?” – “Nicht wirklich, nur zeitweise. Die Bunte zu Franz-Josef Wagners Zeiten zum Beispiel.” – “Können Sie uns erklären, warum es so viele Wagner-Verehrer gibt?” – “Der Franz ist eigentlich so wie wir, ein Freak und Künstler, aber auch ein starker Machtmensch. Er akzeptiert nur das Beste, jeder Satz muss ein Kunstwerk sein, der hat was gegen das Normale.”

Freak und Künstler, das ist auch das treffende Bild für Helge Timmerberg. Sein Weg: Mittlere Reife mit Ach und Krach, vom Vater zu einer Ausbildung in einem Textilunternehmen gedrängt, dort rausgeflogen wegen den langen Haaren. Auf nach Indien, viel LSD, viel Marihuana. Dort die Erleuchtung: schreiben wollen. Bei einer Lokalzeitung in der westfälischen Heimat die ersten veröffentlichten Texte. Frau, Kinder, alles schön brav. Dann Trennung von der Familie, zum Stern nach Hamburg, Chefredakteur bei Twen, dem Vorbild aller Stadtmagazine, Anruf von Markus Peichl, Chef und Erfinder von Wiener und Tempo. Und heute?

Das Gesicht unter dem immer noch langen Haar zündet sich einen Joint an. Wir schauen einem ehrlichen Hippie in die Augen, der Gänsehaut bekommt, wenn er Tropen und Amazonas hört. “T-r-o-p-e-n, wie das schon klingt”, sagt Timmerberg und lächelt über den Schwarzwald. Da ist er der Abenteurer. “Wenn ich im Urwald unterwegs bin, ist das wie bei einem Formel-1-Fahrer in der Steilkurve”, erklärt er. “High Peak nennt man das.” Es ist der Moment, der die Zeit festfriert, das Adrenalin pumpt, und die ganze Aufmerksamkeit auf die zu bewältigende Aufgabe lenkt, weil der Kopf weiß, das jeder Fehler schlimme Folgen haben wird.

Seit über zwanzig Jahren zieht Helge Timmerberg so über den Planeten, sucht nach der Liebe und dem Glück. Er hat beides gefunden. Und wieder verloren. Deshalb sucht er weiter. Glück ist kein Haustier, das sich gemütlich in die Eigentumswohnung kuschelt. Es kommt, es geht. Je rarer, um so intensiver. Die Glückssuche führt an die dunkelsten Orte: Sterbehospitz, Dschungelbordell, Opernball, Timmerberg war da. Vielleicht braucht er deshalb so wenig Regeln zum Schreiben, weil er das Leben so gut kennt.

Auf dem Nachhauseweg kaufen wir einige neue Presseerzeugnisse und gähen. All den Verfassern der vielen langweiligen Texte möchte man einen Kuss auf die Backe drücken und ihnen vielleicht folgendes Funkdelic-Zitat auf die Brust tätowieren: “Free your ass and your mind will follow.”

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Feuilleton, 11. Mai 2003, Nr. 19

, 31. März 2015

Schreiben gegen den Untergang

Helge Timmerbergs großer, melancholischer Männerroman über einen Hamburger Kokainkönig

Von Maxim Biller

Hammer. Dieses Buch ist ein Hammer, diese Geschichte ist ein Hammer. Und dieser Autor sowiso.

Reden wir vom Autor zuerst. Er ist nicht mein Freund, obwohl er mir vorn ins Buch eine Widmung reingeschrieben hat, in der er mich seinen Freund nennt. “Für meinen Freund und Kollegen”, steht da, und Kollege ist schon besser. Schließlich treffen wir uns, wo wir nur können. Ich sage ihm, zu welchem deutschen Literaturagenten er gehen muß, damit er nie wieder von einem Verleger betrogen wird. Er sagt mir, zu welchem kubanischen Voodoopriester ich gehen muß, damit ich vom Schreiben nie wieder einen verspannten Nacken bekomme. Und wir bringen uns, wenn wir uns einmal in fünf Jahren sehen, gegenseitig Tricks bei, die einem helfen weiterzuschreiben, obwohl man gar nicht mehr weiterschreiben kann und mag und trotzdem denkt, daß es ohne auch nicht geht.

Als er neulich eine Schreibblockade hatte, gegen die eigentlich nur Hemingways alte Schrotflinte hilft, habe ich ihm gesagt, du darfst nicht aufstehen, bleib so lange sitzen, bis dir langweilig wird auf deinem Stuhl. Er hat es genauso gemacht und es hat, sagt er, funktioniert. Seine Ratschläge sind noch besser, sie sind lustiger. Vor fünfzehn Jahren bei “Tempo” meinte er einmal zu mir, das Blatt Papier, das er in seine Schreibmaschine einspannt, sei für ihn ein Tausendmarkschien, und mit jeder Zeile, die er schreibt, kommt unaufhaltsam der Tausendmarkschein aus der Maschine heraus. Ich habe gelacht und gedacht, in Ordnung, so kann man Artikel schreiben – aber auch Geschichten und Romane?

Man kann. Helge Timmerberg kann das. Denn das Buch, von dem hier die Rede ist, ist ein Roman, und daß es uns von Timmerbergs Verlag als die Autobiographie des Kokainhändlers und Yellow-Press-Lieblings Ronald “Blacky” Miehling verkauft wird, macht gar nichts. Um so besser, wenn Timmerberg mit solchen PR-Drehs zu einer Auflage kommt, die bei uns sonst nur Kochbücher oder Judith-Hermann-Poesiealbum-Prosa erreichen, aber nie große, tiefe, melancholische Männerliteratur.

Und genau das ist natürlich Timmerbergs “Schneekönig”. Es ist die Geschichte eines gutmütigen, gutbürgerlichen Hamburger Polizistensohns, der keine Lust hat, ein Engel wie seine Mutter oder ein Spießer wie sein Vater zu werden, darum wird er Verbrecher. Nur darum. Denn es ist nicht das schnelle Geld, das ihn lockt – es ist das ständige Überschreiten von Grenzen, die die bürgerliche Gesellschaft zwischen Gut und Böse zieht. Andere überschreiten sie, indem sie Bilder malen, die vorher noch keiner gesehen hat, oder Opern komponieren, bei denen dem Bürger das Blut in den Adern gefriert. Blacky, der Hamburger Polizistensohn, siehlt und betrügt, und er macht Frauen zu Prostituierten, aber das findet sogar einer wie er bald unmoralisch, also hört er wieder auf mit der ekligen Zuhältertour, und das große, saubere Abenteuer beginnt für ihn, als er das Kokaingeschäft entdeckt.

Kokain. Keine Ahnung, was daran so aufregend ist. Ich habe es noch nie versucht, nicht einmal gesehen, und sollte ich Freunde haben, die es nehmen, tun sie es zum Glück hinter meinem Rücken. Timmerbergs Blacky findet Kokain auch idiotisch, er liebt schottischen Whisky und karibischen Rum. Es ist das Geschäft mit dem Kokain, das ihn süchtig macht, und so wie Timmerberg davon erzählt, würde ich wie Blacky nach Curaçao fliegen und im besten Inselbordell korrupte Grenzpolizisten mit Frauen und Drogen bestechen, damit die mich am nächsten Tag mit meinem zwölf Kilo die Zollkontrolle passieren lassen; ich würde in Amsterdam so lange auf die richtigen Parties gehen, bis ich dort endlich die richtigen Kolumbianer kennenlernen würde, und mit denen würde ich ein paar Wochen später in Bogotá weiterfeiern, und wir wären in diesem Club, der in den Berg über der Stadt reingebaut ist, mit dieser riesigen Glasfront, hinter der die riesige nächtliche Stadt mit ihren Millionen von blinkenden Lichtern schöner und ergreifender ist als jeder alberne Sonnenuntergang. Wir würden tanzen und trinken und rausgucken und kein Wort über Geschäfte reden, und ich würde so schnell Spanisch lernen wie die richtigen Salsaschritte, und am Tag darauf würden sie mir sagen ich sei okay, darum würde ich ab jetzt soviel Ware geliefert bekommen, wie ich will. So würde ich – genau wie Blacky – über Nacht Hamburgs Kokainkönig werden, und zuerst wäre auch das sehr aufregend. Dann, wenn mich das langweilte, käme mir zum Gück die Polizei auf die Spur, und weil ich das wüßte würde ich eine Weile Katz und Maus mit ihnen spielen, und das wäre ebenfalls mächtig nervenaufreibend, aber irgendwann kriegten sie mich natürlich doch. So wie Blacky.

Und genau da würde ich wieder aufwachen, denn ich habe das alles ja nur geträumt. Nein, ich habe es in einem Buch gelesen, in Helge Timmerbergs großartigem, melancholischem Männerroman, der davon handelt, daß nicht nur Frauen dieser Welt Träume haben, sondern auch Männer. Solche Träume werden sonst in den Büchern von Hemingway, Jack Kerouac oder Jörg Fauser geträumt, es sind kindische, unmoralische, sehr romantische Träume. Sie handeln – ganz klar – davon, wie man es schafft, dem normalen Leben die Stirn zu bieten und dabei nicht unterzugehen, und natürliche geht man dabei unter, egal ob man ein Gangster oder Künstler ist. Von diesem Untergang immer wieder zu erzählen ist große heilige Schriftstellerpflicht, und die Schriftsteller, die über andere Dinge schreiben, sind auch ganz in Ordnung.

Ich habe den echten Ronald “Blacky” Miehling übrigens kennengelernt. Er war natürlich völlig anders, als ich ihn mir – dank Timmerbergs Talent – vorgestellt hatte. Er hatte fürs Wochenende Freigang bekommen, und wir saßen mit ihm und Timmerberg und noch ein paar Leuten, die den großen Gangster bestaunen wollten, in Berlin im feinen Café am Neuen See. Blacky erzählte vom Knast und von Kolumbien, er sagte Worte wie “Lieferung” und “Kartell”, er hatte ein Hawaiihemd an und rauchte rote Marlboros, und seine Geschichten hatten nicht gerade die epische Kraft von Homers Lagerfeuererzählungen, das alles war mehr so Seemannsgarn für Fortgeschrittene. Irgendwann fragte er mich traurig, ob man ihm anmerke, daß er schon seit neun Jahren sitzt. Nein, hab ich gesagt, auf keinen Fall, und ich meinte es so. Dabei dachte ich: Aber man merkt dir auch nicht an, Blacky, daß du der Mann sein sollst, dessen Geschichte Timmerberg in seinem Buch erzählt. Du bist das Leben, das normale, banale schwere Leben. Timmerbergs “Schneekönig” ist etwas ganz anderes – es ist Sprache, Melodie, Verdichtung, stete Veränderung, großer Schock und zarte Geste, das Lied von menschlichem Aufstieg und Untergang, mit anderen Worten – Literatur.

Hoffentlich, dachte ich weiter, kann man in dunklen, schlaffen Literaturzeiten wie diesen trotzdem mit so was eine Menge Geld verdienen. Das wünsche ich Blacky, der bald rauskommen wird und bestimmt was für den Neuanfang braucht. Aber vor allem wünsche ich es dem Kollegen Timmerberg. Soll der sich erst mal richtig satt essen, bevor er einen neuen Tausendmarkschien in seine Schreibmschine spannt.

FHM-MAGAZIN.DE, März 2006

, 27. März 2015

Hinter Gittern

Helge Timmerbergs Tierleben hat seine Grenzen

Timmerberg, einer der begnadetsten, verrücktesten deutschsprachigen Journalisten, ging einfach mal in den Zoo und schaute sich diverse Tiere an. Und hier berichtet er über sie in seiner umwerfend lakonischen Art. Das ist verdammt komisch und so gar nicht das, was du noch von früher aus Heinz Sielmanns Expedition ins Tierreich kennst – obwohl Sielmann sich nicht zu schade war, das Vorwort zu schreiben, was ihn zu einem sehr coolen alten Mann macht. Timmerberg sitzt zum Beispiel vor dem Eisbärengehege und da kommen zwei Bodybuilder vorbei. Einer ruft: “Euch catch ich um.” Timmerberg malt sich aus, was wirklich passieren würde, stiege der Bodybuilder in den Ring: “Ein beliebter Griff im Eisbären-Catchen geht so: Das Tier umarmt den Gegner und reißt ihn von hinten in zwei Hälften. Und aus.” Der Tiger ist ebenfalls ein garstiger Geselle: “Die Kraft des sibirischen Tigers ist für das Töten von Hirschen, Wildschweinen und Braunbären gemacht, für den Menschen braucht er nur eine Ohrfeige, dann ist der Kopf in Scheiben.” Und: “Ein Mensch, der vor einem Amur-Tiger wegläuft, hat so viele Chancen wie eine angebundene Kuh.” Auch eine Begegnung mit einem Jaguar kann ungemütlich werden: “Als einzige Großkatze tötet der Jaguar nicht durch einen Biss ins Genick. Er knackt die Schädel mit seinen Eckzähnen.” Und selbst vermeintlich harmlose Tiere wie Kamele haben ihre Waffen: “Sie spucken treffsicher bis zu drei Metern. Anfangs nur, was sie an Spucke im Maul haben, aber wenn sie richtig wütend sind, holen sie ihren Mageninhalt nach vorn. Und dann bist du nass.”

Das Buch ist dennoch eine Liebeserklärung an die Schöpfung, aber ohne Kitsch. Klar ist: Jedes der vorgestellten Tiere hat eine Menge guter Gründe, uns Menschen böse zu sein.

Beste Stelle: “Irgendwann in ferner Zukunft übernimmt eine andere, tausendmal intelligentere Existenz als wir das Regiment auf diesem Planeten und dann bauen sie einen Menschenzoo mit einem Gehege, das exakt wie eine Straßenkreuzung aussieht, mit Hausfassaden, Balkons, Cafés, Kinderspielplätzen und Ampeln. Und drumherum stehen die neuen Herren der Erde und werfen Leckereien über die Mauer. Und wie fände ich das? Wenn’s keine Bananen wären, sondern ein kühles Bier, ginge das okay.” (SM) *****

Die Zeit, Literatur Kaleidoskop, 3. August 2006, Nr. 32

, 27. März 2015

Helge Timmerberg

Timmerbergs Tierleben

Timmerbergs Sätze sind wie Gänseblümchen, sie wachsen eigentlich überall, und erst, wenn man noch mal genau hinschaut, zeigt sich ihre alltägliche Schönheit. Jetzt ist Timmerberg in den Zoo gegangen und hat dort Tiere getroffen, den Jaguar Bonito etwa, “du warst mein Lieblingstier, bis ich einen von euch am Amazonas traf”; oder den wackeren Leopold, “Riesenschildkröten wandern so schnell wie Gletscher”; oder natürlich den strohdummen Strauß Bruce Lee, aber auch , “ein Tischtennisball kann nicht denken”. Außerdem: Alles Wesentliche über kiffende Löwen, das Warzenschwein Walhalla und die Sexprobleme des Königsgeiers Hans Peter.