Spiegel Online, 26. Feb 2016

, 29. Februar 2016

ES IST EIN PAAR JAH­RE HER, da sah ich ei­nen Mann in Ham­burg-Win­ter­hu­de im Win­ter mit Flip­flops die Stra­ße lang­ge­hen, in der ich da­mals wohn­te. Als ich nä­her kam, er­kann­te ich mei­nen Nach­barn, Hel­ge Tim­mer­berg. Er sag­te, er kom­me aus Kuba und hal­te den grau zu­be­to­nier­ten Him­mel hier­zu­lan­de nicht aus, und der Rest gehe ihm auch auf die Ner­ven. Er wis­se jetzt, war­um sich He­ming­way 1961 in Ida­ho er­schos­sen hat. Der gute Mann habe zu­vor 20 Jah­re lang auf Kuba ge­lebt.

Ich ver­sprach, am nächs­ten Tag mit ei­ner Fla­sche Wein vor­bei­zu­schau­en. Hel­ge öff­ne­te, dann ent­schul­dig­te er sich. Er habe kei­nen Kor­ken­zie­her und kei­ne Glä­ser und kei­ne Stüh­le und kei­nen Tisch. Als ich mich um­blick­te, sah ich, dass es auch sonst nur ei­nen Aschen­be­cher, eine Ma­trat­ze und ir­gend­wo in der Ecke eine Kis­te gab.

„Was ist in der Kis­te?“, frag­te ich Hel­ge, als er sich ei­nen Joint an­zün­de­te. Fo­tos und Er­in­ne­run­gen an mei­ne Frau­en auf Kuba, sag­te Tim­mer­berg. Manch­mal habe er be­zahlt für die­se Frau­en, manch­mal nicht. An die tau­send Frau­en sei­en es ge­we­sen. Die Zeit sei­nes Le­bens.

 

Buchkultur 154, Juni/Juli 2014

, 3. April 2015

On the Road im Orient

Helge Timmerberg reist und schreibt viel. Christa Nebenführ hat sich mit ihm über seinen neuen Roman unterhalten.

Der Herr, auf den ich im Café Daniel Moser in der Wiener Rotenturmstraße zugehe, ist mit allem versorgt: mit Kaffee, Sandwich, Zigaretten und einem geöffneten Laptop. Genau wie ich mir einen Weltreisenden vorgestellt habe. Er hat den Interviewtermin zweimal verschoben, beim zweiten Mal, weil er von Ostern noch fix und fertig sein.

“Was war zu Ostern?”

“Sonntags fast ich immer und diesmal hatt ich am Tag davor zuviel Schokolade gegessen und der Montag ist dann immer ein bisschen mühsam und außerdem musste ich einen Artikel für den Playboy zu Ende bringen, den ich schon vor einem halben Jahr versprochen hatte”, antwortet der gepflegte Herr mit den etwas längeren, aber ebenso gepflegten Haaren.

Ich hatte mir eine andere Antwort erwartet. Immerhin kommt Helge Timmerberg in den Medien als Reinkarnation des amerikanischen Beat-Poeten Jack Kerouac rüber. Ständig “on the road”, meistens bekifft, oft in Begleitung faszinierender Frauen und auf der Suche nach guten Geschichten. Ist der am Ende eine ausgeklügelte Kunstfigur?

Ja und nein.

Der öffentliche Timmerberg ist natürlich nicht der ganze Timmerberg, aber es gibt bestimmte Teile der Persönlichkeit Timmerberg, die an der Schreibmaschine automatisch anspringen und sich verstärken, während andere ausgeblendet werden. Wir wollten über sein neuestes Buch sprechen, das es acht Tage nach Erscheinen schon auf Platz 20 der Spiegel-Bestsellerliste gebracht hat. Ach ja, das gehörte auch noch zum Osterstress, die Warterei, ob sich das wirklich ausgeht. Die Kurzfassung dieses Buchs steht am Anfang des letzten Kapitels: “Ein literarisches Drehbuch auf der Grundlage einer Geschichte der Baronin Elsa Sophia von Kamphoevener, die sie auf der Grundlage einer alten türkischen Geschichte nacherzählt hat. Die Nacherzählung einer Nacherzählung eines ewigen orientalischen Märchens.”

Kamphoevener! Ist das nicht diese zwielichtige Rundfunktante der 50er-Jahre, die sich ihre Biografie zusammengeklaut hat wie Karl May oder Jack Unterweger?

Ja und Nein.

Im Roman spannt der Autor Timmerberg den Bogen von der Faszination für eine Kunstfigur über 22 Jahre, drei Länder und drei Facetten des Orients: über Ägypten, Marokko und die Türkei im Licht des alten, des neuen und des erträumten Ostens. So weit muss er ausholen, damit die Leser am Ende verstehen, warum es zu keinem Film über die Baronin Elsa Sophia von Kamhoevener kommen konnte und warum das Märchen von der Perlenkarawane, das uns die beiden am Ende des Buches schenken, diese Umwege wert war. Denn Helge Timmerberg ist abseits aller Inszenierungen vor allem eines: Schriftsteller. Und zwar einer, der weiß, wie man die Zutaten so zusammenbraut, dass kein fader Babybrei herauskommt, sondern eine ebenso süße wie herbe, unterhaltende wie nachdenklich stimmende Soup de la Vie, welche die Geschmacksknospen der Lesenden explodieren lässt.

Apropos Zutaten: Beginnen wir mit dem Harem. “Das Teetässchen schmiegte sich wie die Taille einer Frau in meine Hand … Das kleine Meer inmitten der Stadt, das nachts nicht länger wie ein goldenes Horn aussieht, sondern sich wie eine funkelnde Vagina in die Stadt einschmiegt … Marokko empfing mich wie eine billige, aber wunderschöne Hure …”

“Ich liebe Frauen”, schmunzelt der gelassene Herr im Café. “Würde ein Virus alle Frauen auf der Erde dahinraffen, würde ich mich sofort umbringen.”

Während der Arbeit an dem Buch ist sein Vater gestorben – danach hat er ihm darin eine berührende Erzählpassage gewidmet. Wenn die Lesetour vorbei ist, geht es mit dem geerbten Mercedes des Vaters und dem eigenen Sohn nach Indien. Auf die Suche nach der nächsten Geschichte …

Berliner Illustrirte Zeitung, 29. Oktober 2006

, 3. April 2015

Dreiundzwanzig Sonntagsfragen …
an Helge Timmerberg, Reisejournalist

Heute ist Sonntag

Wo wachen Sie auf?
In Berlin

Und wer liegt neben Ihnen?

Eine Serbin. Belgrad’s Best. Meine Freundin.

Was fehlt zu ihrem Glück?

Die Erkenntnis, dass nichts fehlt.

Sind Sie ein Sonntagskind, oder haben Sie sich erkämpft, was Sie sind?

Ja und nein, und dann doch wieder ja. Das erste Ja, weil mir Talent in die Wiege gelegt wurde. Das Nein, weil ich trotzdem hart arbeite. Das zweite Ja, weil die Einsicht und die Fähigkeit zu harter Arbeit auch ein Geschenk ist.

 

Sonntagsläuten

Wenn ich es höre, denke ich …

… an die Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war.

Und welche Musik werden Sie heute hören?

Tony Joe White. Er ist Kult unter Rock- und Bluesmusikern. Eine Art graue Eminenz der Szene. Beste CD: “Hot July”.

Wann haben Sie zuletzt gebetet?

Neulich. 

Gott ist …?

… wenn die Sonne scheint.

Der Mensch ist …?

… jemand, der sich trotzdem einen Regenschirm kauft.

 

Sonntagsbraten

Der Duft löst bei mir …

… Übelkeit aus. Ich bin Vegetarier. Schon seit meiner Kindheit.

Familie ist …?

… die Gewissheit oder zumindest die faire Chance, nicht alleine zu sterben.

Heimat ist …?

… dort, wo man sich wie ein Fisch im Wasser bewegen kann. 

Deutschland bedeutet mir …?

… das Land der Dichter und Denker. 

Wen laden Sie zu Ihrem letzten Mahl ein, und was wird serviert?

Die Frage erschreckt mich.

 

Sonntagsspaziergang 

Wohin?

In den Zoo.

Was war der schönste Weg Ihres Lebens?

Von Gangotri nach Gaumukh, zur Quelle des Ganges. Himalaya. Indien. 4000 Meter über Null.

Was war der schwerste Weg Ihres Lebens?

14 Tage durch den Amazonas, am Oberlauf des Rio Negro, mit einer Gruppe von Goldsuchern. Jaguare, Krokodile, Schlangen, von Armeehubschraubern gejagt.

Ihr bester Freund, was macht ihn aus?

Ich habe mehrere beste Freunde. Was sie ausmacht, ist nicht ihre Treue, obwohl sie treu sind, sondern der Spaß, mit ihnen zusammen zu sein.

Hat Sie einmal jemand gerettet?

Gute Frage. Nicht, dass ich wüsste. Aber das muss nichts heißen. Man kriegt es ja nicht immer mit, wenn einer uns vor irgendwas rettet. Man kriegt es nur mit, wenn er es nicht getan hat.

 

Morgen ist Montag 

Was erwartet Sie?

Eine Zugfahrt. Ein Hotel. Eine Lesung. Ein Bier.

Woran arbeiten Sie gerade?

“Shiva Moon” unter die Leute zu bringen.

Was können Sie am besten?

Schreiben 

Was fällt Ihnen schwer?

Nein zu sagen.

 

Zur Person

Journalisten nehmen sich zu ernst und wissen immer alles besser, hat Helge Timmerberg einmal gesagt. Und doch ist er selbst einer geworden, nachdem er als 17-Jähriger in vier Monaten von Bielefeld bis zum Himalaja getrampt war und dort die Eingebung hatte, dass dieser Beruf genau das richtige für ihn sei. Timmerberg, 1952 im hessischen Dorfitter geboren, machte also nach seiner Rückkehr ein Volontariat bei der “Neuen Westfälischen”, arbeitete dort einige Jahre als Lokalreporter und schrieb später für fast jede bekanntere deutsche Tages- oder Wochenzeitung. Im Auftrag verschiedener Redaktionen testete er Drogen und wurde schon bald für seinen sehr subjektiven Schreibstil bekannt. Am heimischen Schreibtisch aber hielt es Timmerberg nie lange. Seit mehr als drei Jahrzehnten reist er um die Welt, lebte zwei Jahre in Havanna und drei Jahre in Marrakesch. Die besten Reportagen kamen auch als Bücher heraus. Gerade erschien “Shiva Moon. Eine Reise durch Indien”, in dem er über das Land schreibt, das er nun schon fast 30 Jahre kennt, “das zweite Zuhause meiner Seele”, wie es Timmerberg nennt.

Ansonsten wohnt er in Berlin.

Der Spiegel, Kultur, 23.10.2006

, 3. April 2015

Lust auf den Ganges

Für alle, die sich in den frühen Siebzigern nach Indien aufmachten, um der dogmatisch erstarrten linken Szene zu entkommen, mit Stil zu kiffen und Weisheit und Sonne zu tanken, ist dieses Buch ein absolutes Muss. Hirnrissig komisch und innig nimmt es, nach mehr als 30 Jahren, Abschied von einem Traum. Reporter Helge Timmerberg, 54, mittlerweile in Würde ergraut, landet noch einmal im nächtlichen Chaos von Delhi. Sein Projekt: den Ganges von der Quelle bis zur Mündung abzufahren. Sein eigentliches Ziel: den Wahnsinn noch einmal zu erleben. Er trifft auf verschlagene Reiseleiter, auf kultivierte europäische Geschäftsfrauen, auf junge Esoterikerinnen, er fliegt, er wandert, er lässt sich auf Rikschas durchschütteln und verliert dabei einen Zahn. Und er sieht: Indien ist reicher und leistungsbereiter geworden, und auch er selbst ist nicht mehr der Gleiche, aber in den am wenigsten erwarteten Momenten sind die Echos dieser tiefen und völlig verrückten Seinsmusik, die es immer nur in Indien gab, noch zu hören – ob im Shiva-Tempel oder in Mutter Teresas Haus der Sterbenden oder im Indian Coffee House.

“Shiva Moon” ist ein ziemlich lässiges Gespräch mit dem Leser, der übrigens auch sehr jung sein und seinen ersten Indien-Trip noch vor sich haben kann. Es streift die Bhagavadgita und Bukowski, und es kommt Jahrzehnte später, zu hart erarbeiteten Erkenntnissen wie der, dass man zwar denselben Fehler nicht unbedingt noch einmal macht, dafür aber andere. “Einen Fehler aber macht man immer, oder nicht?” Man liest, lacht, träumt – und bekommt erneut Lust auf die Mönche am Ganges.

 

Die Welt, 30.09.2006

Erstaunlich: Inder sind bescheuert

Ein komischer Effekt entsteht bekanntlich dadurch, dass ein großer dicker Mann versucht, in eine klitzekleine Badehose zu schlüpfen: Zwei Dinge werden zusammengezwungen, zwischen denen ein schreiendes Missverhältnis besteht. Dies gilt auch für “Shiva Moon”, einen Reisebericht, der eine Tour von den Quellen des Ganges bis zu seiner Mündung schildert – und ein hochkomisches Buch ist. Timmerberg nämlich war schon als Teenager in Indien, um geistliche Erleutung zu suchen (und fand sie auch; eine innere Stimme befahl ihm, Journalist zu werden). Nun wiederholte er diese Reise mit Paarundfünfzig. Mittlerweile hält er Indien aber nicht mehr für das Land des Lächelns und der Weisheit, sondern hat etwas Erstaunliches herausgefunden: Die Inder sind “genauso bescheuert wie wir alle”. Die Kontrastwirkung, die sich daraus ergibt, ist wirklich witzig. Im Übrigen schreibt Timmerberg so göttlich wie Ghanesh und Krishna zusammen – manchmal, wenn es gefährlich wird, mischt sich auch ein wenig Kali hinein. Das Schöne ist: Durch jede Zeile hindurch spürt man die ernüchternde; die ganz und gar nicht blinde Liebe Timmerbergs zu diesem Land. Ein Nebeneffekt seines Buches ist, dass man sofort nach Kalkutta auswandern möchte. Offenbar steht dort das beste Kaffeehaus der Welt (besser als das “Timol Shilshom” in Jerusalem?), und dort scheint es eine Straße zu geben, die aus Buchläden besteht … hs

Der Tagesspiegel, Medien, 10. Februar 2002

, 2. April 2015

“Hunter S. Thompson warf mit Äxten um sich”

Der Reporter Helge Timmerberg über eine Generation von Journalisten, die sich noch traute, Präsidenten zu erschrecken

Mitte der achziger Jahre kam der amerikanische New Journalism, begründet von Autoren wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson, nach Deutschland – unter anderem durch Ihre Beiträge im damaligen Magazin “Tempo”. Was ist anders an dieser Art von Journalismus?

New Journalism ist durch seine extreme Subjektivität ehrlich. Hunter S. Thompson habe ich einmal zur Zeit des Carter-Bush-Wahlkampfs in seinem Haus in Aspen/Colorado besucht. Ich blieb drei Tage. Er schrieb an einer Kolumne für den “San Francisco Examiner” und hatte folgendes Problem: in der Woche zuvor hatte er geschrieben, dass man Bush senior zu Tode trampeln sollte, wo immer man ihn trifft. Ein FBI-Mann rief daraufhin bei Thompson an und sagte: Hey, Hunter, das geht zu weit. Du kannst die Leute nicht dazu auffordern, den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner zu lynchen. Hunter suchte in diesen drei Tagen für die nächste Kolumne nach einem Satz, mit dem das FBI und er gleichermaßen leben konnten. Ich befand mich dabei, na, sagen wir, in Gefahr, weil er mit Äxten um sich warf oder eines seiner fünf Gewehre benutzte, um sich abzureagieren. Er war unansprechbar. Als er den Satz hatte, war er wieder der lustigste und höflichste Autor, den man sich vorstellen kann. Im “San Francisco Examiner” stand eine Woche später: “Bush gehört von einem Elch gefickt.”

In deutschen Zeitungen liest man solche Aussagen über Politiker eher nicht.

Der traditionelle Journalismus beharrt auf einer Objektivität, die es nicht gibt. Journalisten sind Menschen, Menschen haben Meinungen, Menschen haben Antipathien, Menschen haben auch mal schlecht gefrühstückt. Es gibt keinen objektiven Journalismus. Die einen geben das zu, die anderen nicht. Bei einem Hunter S. Thompson weiß eben jeder sofort, woran er ist. Man kann ihn lieben oder hassen.

In den USA kam New Journalism schon in den revolutionären Sechzigern auf. Warum fand dieser Stil erst zwanzig Jahre später zu uns?

Bin ich das Orakel von Delphi? Es kommt ja alles ein bisschen später zu uns. Damit begonnen haben die Stadtmagzine. Die setzen sich Anfang der 80er als neues Magazin-Format durch. Der “Wiener” in Wien war das beste von ihnen. Der damals blutjunge Markus Peichl und Michael Hopp haben es gemacht. Lo Breier war Art Direktor. 1985 gingen Peichl und Breier nach Deutschland und machten “Tempo” auf. Damit war New Journalism am nationalen Kiosk.

“Tiger fressen keine Yogis”, Ihre Sammlung von Reisereportagen, liest sich wie eine Reihe von spannenden Geschichten mit oft extremen Erlebnissen. Was bedeutet Reisen für Sie?

Ich bin eigentlich nicht label-minded, aber bei Sonnenbrillen gibts für mich nur Ray Ban. Weil ich sie ständig verliere, kaufe ich eine neue vor jeder Reise. Das ist mein Ritus. Ich setze sie nicht eher auf, bevor ich aus dem Flieger steige. Da ich nur Ray Ban mit braunen Gläsern trage, sieht die Welt dann auf einen Schlag wie in einem Film von Spielberg aus. Beantwortet das Ihre Frage? Oder muss ich noch sagen, dass Reisen und Flucht zwei komplett unterschiedliche Lebensformen sind? Auf der Flucht genießt man keine Reise. Und sobald man eine Reise zu genießen beginnt, flüchtet man nicht mehr. Ankommen ist ein anderes Wort für genießen. Da ankommen, wo die Geschichten sind.

Aber die letzte Geschichte in Ihrer Sammlung trägt den Titel “Auf der Flucht”.

Ich bin ein unruhiger Geist. Nur, wenn ich mich bewege, bin ich ruhig.

Haben Sie Lust, einmal die Grenze zwischen Journalismus und Fiktion zu überschreiten und einen Roman zu schreiben?

Es ist für mich nur sehr schwer vorstellbar. Die Realität ist zu irre, um sie mit Fiktion noch zu toppen.

Geschrieben haben Sie für die Boulevardpresse, für Wochen- und Reisemagazine, auch für ganz normale Tageszeitungen.

Ich habe keine Berührungsängste mit dem Boulevard. Was man braucht, um in allen Formaten zu bestehen, ist eine einfache Sprache. Im Boulevard ist sie die Voraussetzung, in den bürgerlichen Blättern wird sie akzeptiert. Für Schreiber ist das grundsätzlich nicht verkehrt. Einfach schreiben heißt ja nicht doof schreiben.

Hat der New Journalism, den es ja als klare Stilrichtung heute nicht mehr gibt, in Deutschland Einfluss auf die großen Redaktionen gehabt?

Der letzte “Tempo”-Chefredakteur, Walter Mayer, ist heute Stellvertreter des Chefredakteurs bei “Bild”. Vorher hat er in derselben Funktion die “Bunte” und die “B.Z.” gemacht. Michael Hopp, erster Chefredakteur des “Wiener” hat inzwischen die Redaktionen von “Männer Vogue”, “GQ” und “TV Movie” geleitet, jetzt leitet er die von “TV Today”. Einige der besten “Spiegel”-Autoren, wie Thomas Hüetlin und Marc Fischer, kommen aus der “Tempo”-Schmiede. Ebenso Claudius Seidl, der Chef des Feuilletons der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. Auch das “SZ-Magazin” wurde zeitweise von einer Redaktion gemacht, die gut zur Hälfte aus ehemaligen “Tempo”-Leuten bestand …

Und Sie?

… ich selbst bin seit ein paar Wochen Gastlehrer auf der Henri-Nannen-Journalistenschule.

Gibt es für Sie auch Tabus für das Schreiben? Was würden Sie ablehnen?

Langeweile. Das ist das einzige Tabu.

Als Journalist, der Erfahrungen mit sehr unterschiedlichen Niveaus von Zeitungen gemacht hat – was sind Ihrer Ansicht nach die größten Sünden im Journalismus von heute?

Marktforschung und Leserumfragen. Alle erfolgreichen Blätter wurden und werden von Leuten gemacht, die ihre Zielgruppe im Bauch haben.

Im Februar und März sind Sie als Talkgast bei Alfred Biolek, und bei der Harald Schmidt-Show eingeladen.

Ich habe herausgefunden, warum mir Fernsehen Spaß macht. Es sind die Scheinwerfer. Sie haben eine ähnliche Wirkung auf mich wie ein Sonnenstudio: antidepressiv.

Das Gespräch führte Bernd Rasche

Die Tageszeitung, Kultur, 28. Januar 2002

, 2. April 2015

“Ich steh vor einem Problem”

Eine Milliarde Inder können durchaus irren oder Das Hörgerät ist kaputt. Ein etwas kompliziertes Gespräch mit dem Reisereporter Helge Timmerberg zu seinem Buch “Tiger fressen Yogis” 

Interview Matthieu Carrierère

Helge Timmerberg, geboren 1952, ist ein Abenteurer und Reisereporter. Bekannt wurde er durch seine Reportagen für das inzwischen legendäre Lifestylemagazin “Tempo”. Vor kurzem erschien eine Art Best-of-Sammlung seiner Storys, die er für die “Süddeutsche”, die “Zeit”, den “Stern”, die “Woche”, “Allegra”, “Penthouse” und andere Magazine verfasst hat: das Buch “Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs” (erschienen im Solibro Verlag, 256 Seiten, 19,90 €). – Wir trafen den Autor im Hamburger Lokal “Betty Ford” im Schanzenviertel. Sein Hörgerät war kaputt.

taz: Wie viel Kilo Heroin haben Sie im Jahre 1995 im Bekaa-Tal bei Khalil el Maula (Seite 177) bestellt, wie viel ist geliefert worden, wer hat den Deal finanziert, und wer war Ihr europäischer Abnehmer?

Helge Timmerberg: Können Sie drehen? Ich bin zu gierig.

Gibt es irgendeinen Zeugen, irgendeinen Beweis für Ihre Behauptung, ein bengalischer Tiger (Seite 129) habe im Jahre 1998 bei Maysore im südindischen Dschungel “bewundernd zugesehen, wie ich zu levitieren begann”?

Ich rauche seit 25 Jahren und kann immer noch nicht drehen.

Wie viel Geld ist geflossen (Seite 233), als Sie im Jahre 1989 in Wien im Auftrag einer österreichischen Illustrierten das Präparat Viagra an zwei polnischen Stewardessen getestet haben?

Kiffen ist besser als Sex? Das würde ich nie sagen!

Ist es richtig, dass Sie während des Tests (Seite 238) den Spruch “das Zeug macht zwar hart, aber nicht blind” gestöhnt haben.

Halten Sie diesen Satz nicht für frauenfeindlich?

Aber Kiffen kann eine Beziehung ersetzen.

Sie haben im Jahre 1992 in Teheran behauptet, ein “irakischer Marschflugkörper” sei neben Ihrem Hotel eingeschlagen (Seite 149) und habe ein Krankenhaus zerfetzt. Woher haben Sie das Wissen, das es Ihnen erlaubt, einen Marschflugkörper von einer gewöhnlichen Clusterbombe zu unterscheiden?

Wissen Sie, was die Engländer sagen? “If you smoke pot and drink, you’re pissed.”

Sie behaupten, eine “markokkanische Freundin” habe Ihnen im Jahre 1987 in Casablanca ihr Sperma gestohlen, um Plätzchen daraus zu backen (Seite 109), und Ihnen die Vorhaut abgeschnitten. Wo ist die Vorhaut?

Der Indere aber sagt: “Entweder Ganja oder Old Monk” (indischer Rum – Anm. d. Red.)

Wie meinen Sie das?

Was haben Sie gesagt?

Ist es zutreffend, dass Sie im Jahre 1999 in Hamburg einem bekannten deutschen Dichter (Wolf Wondratschek, Anm. d. Red.) die Frau ausgespannt haben, obwohl Sie schwerhörig sind?

Aber eine Milliarde Inder können durchaus irren.

Was haben Sie gegen Alfred Biolek (Seite 243)?

Wir sollten jetzt das Thema wechseln.

Ist es zutreffend, dass sie Courtney Love’s Angebot zu analem Sex (Seite 45) ausgeschlagen haben? Bitte begründen Sie das.

Die neue Freundin von Ammer gefällt mir sehr!

Was hätte Ihr Freund, der Yakuza Hiroshi Kawanishi, Ihrer Meinung nach getan, wenn Sie die Brüste (Seite 37) der Philippinin im berüchtigten Shinjuku-Viertel von Tokio nicht betastet hätten?

Die Neue von Ammer ist rattenscharf, Oxford-Professorin und Nichte der englischen Königin. 

Wie ist das mit dem Entlieben? Soll man wirklich immer wieder in die Kränkung, die Demütigung, den Liebesgau eintauchen (Seite 201), auch wenn es einen zerreißt? Sollte man nicht doch lieber koksen (Seite 219)?

Ich hoffe, sie kommt zu meiner Lesung nach Bielefeld. Ich bin ganz verwundert, dass man Geld damit verdienen kann, dass Reisekosten erstattet werden …. und das Hotel. Hoffentlich ein Doppelbett … sie ist nicht dünn, die Ammerfrau.

Warum hassen Sie Koks? Es ist doch erwiesen, dass es nicht süchtig macht. Jedenfalls gibt es keinen physiologischen Nachweis.

Aber bei ihr stört mich das nicht.

Aber noch mal, bitte: Koks, da gehen Sie wirklich zu weit (Seite 211): “Mode wird auf Koks gemacht, Filme werden auf Koks gemacht, Fernsehen wird auf Koks gemacht, Zeitungen, Magazine, Bücher, Speisekarten werden auf Koks gemacht und auf Koks gereicht, natürlich wird auch Werbung auf Koks gemacht und Verbrechensbekämpfung.”

Das Problem ist jetzt, wie krieg ich das mit Ammer hin.

War die Erfahrung, in Kalkutta eine Sterbende zu massieren (Seite 55), wirklich wichtig für Sie? Und haben Sie Mutter Teresa noch persönlich kennen gelernt?

Ich steh da vor dem Problem “Frauen oder Freunde”. Und wenn dann die Freunde zwanzig bewaffnete Türsteher unter ihrer Knute haben. Aber Ammer ist im Grund voll okay.

Wir haben erfahren, dass Sie Verträge mit mehreren internationalen Verlagen abgeschlossen haben, in denen Sie sich verpflichten, Ihre fatale Form der Anarchoanthropologie global und unter Aufgabe aller Urheberrechte verwerten zu lassen.

Nur sein Musikgeschmack ist Scheiße.

Herr Timmerberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Diese Frage habe ich nicht verstanden!

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Gesellschaft, 20. Juli 2008

, 2. April 2015

Der Erdumrunder

Helge Timmerberg ist “In 80 Tagen um die Welt” gefahren und hat jetzt erst mal genug vom Reisen – kein Wunder, bei dem Leben

Von Alexander Marguier

Helge Timmerberg ist gut drauf. Zwar hat ihn ein “fucking Bandscheibenvorfall” kürzlich für ein paar Wochen aus der Bahn geworfen. Aber dafür steht sein neues Buch beim “Spiegel” in der Bestsellerliste. Endlich hat es mal geklappt! “So um die neun” hat er in seinem Leben schon geschrieben, und seit Montag liegt “In 80 Tagen um die Welt” in den Sachbüchern auf Platz elf: zum ersten Mal in den Charts! Ob ein Geschichtenerzähler wie Timmerberg nicht besser bei der Belletristik aufgehoben wäre, ist dann letztlich auch egal. Sogar gesundheitlich geht’s inzwischen wieder aufwärts. Er kann halt nur nicht so lange sitzen und muss immer mal wieder vom Schreibtisch aufstehen, um etwas im Zimmer herumzulaufen, wenn der Rücken weh tut. Dass die Schmerzen beim Erzählen in den Hintergrund treten, trifft sich da ganz gut. Denn Helge Timmerberg hat viel zu erzählen.

Wir sind für 21 Uhr in einer mexikanischen Kneipe verabredet. Timmerberg ist pünktlich; den Fototermin vor ein paar Tagen hätte er beinahe noch verpennt. Der fand allerdings auch vormittags statt, und wer Helge Timmerberg gegenübersteht, dürfte ahnen, daß das womöglich nicht seine Zeit ist. Wenn die flosskelhafte Charakterisierung “Alt-Hippie” überhaupt auf irgendjemanden zutreffen sollte, dann auf ihn. Vor zehn Jahren drehten die Coen-Brüder den großartigen Film “The Big Lebowski”, in dem Jeff Bridges einen langhaarigen Zausel in den mittleren Jahren spielt, der sich gern mal einen Joint genehmigt und dazu in der Badewanne Walgesänge auf Tonband lauscht. Ein Kiffer, ein Rumtreiber, irgendwie nicht mehr zeitgemäß – aber mit Haltung. So einer ist Helge Timmerberg.

Die mexikanische Kneipe ist ganz nett, aber für eine Unterhaltung sind die Hintergrundgeräusche zu laut. Also gehen wir zu ihm nach Hause. Seine Wohnung liegt nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt, Ordnung, Sauberkeit und Mobiliar entsprechen in etwa dem Niveau einer Studenten-WG der frühen achziger Jahre. Hinter dem Schreibtisch an der Wand hängt ein Poster mit Klaus Kinski. Der ist Vorbild, der hat auch immer getan, was ihm gerade passte. Timmerberg dreht sich ein Tütchen, bläst Rauch über den Bildschirm seines Apple-Computers (auch wer kein Handy besitzt, kommt an manchen Errungenschaften der Moderne nicht vorbei) und berichtet, wie alles anfing. Damals, Ende der sechziger Jahre, in der tiefsten deutschen Provinz.

Vater Fernfahrer, Mutter Kellnerin in einer nordhessischen Truckerkneipe: nicht gerade das Milieu, in dem Bestsellerautoren aufwachsen. Der Sohn schaffte denn auch mit Ach und Krach gerade mal den Realschulabschluss. Die einzigen Talente, mit denen der adoleszente Helge Timmerberg bis dahin auf sich aufmerksam gemacht hatte, waren Tischtennisspielen sowie das Verfassen überlanger Schulaufsätze, die regelmäßig das Thema verfehlten. Dank väterlicher Beziehungen klappte es trotzdem mit einem Ausbildungsplatz, und zwar bei einer Textilhandelsfirma in Bielefeld. “Mir kam das vor wie bei Kafka, alles um mich herum war eine einzige graue Welt.” Das nötige Erweckungserlebnis bescherte ihm ein Berufsschulausflug nach Amsterdam. Allerdings nicht wegen der hübschen Grachten und der vielen Museen, sondern weil das Hotel mitten im Rotlichtviertel lag: “Rechts Huren, links Dealer, und ich mittendrin. Herrlich!” Nachdem Helge Timmerberg gleich am ersten Abend sein ganzes Taschengeld bei einer Halbchinesin durchgebracht hatte und mit drogenvernebeltem Kopf zurück zum Hotel wankte, war er zumindest um die Erkenntnis reicher, vom Schicksal nicht für eine Karriere im Bielefelder Textilhandel auserkoren worden zu sein. Die Vorsehung stimmte, kurz darauf war er seine Lehrstelle los: “Die mochten einfach meine langen Haare nicht.”

Was tun? Wildhüter in Australien zu werden (“kein Witz, dafür wurden damals ernsthaft Leute gesucht”), erschien durchaus plausibel. Oder lieber Sozialpädagogik studieren (“ging auch ohne Abi”)? Helge Timmerberg entschied sich dafür, erst mal zu testen, wie viel LSD ein menschlicher Organismus aushalten kann, und als er das überlebt hatte, ging er auf seinen ersten richtigen Trip. Und zwar über Land in Richtung Indien: “Erleuchtung suchen, Shiva und so …” Die Erleuchtung kam dann tatsächlich, nämlich während der Meditation in einem Ashram. Sie lautete: Helge Timmerberg soll Journalist werden.

Man kann sich ungefähr vorstellen, wie der Chefredakteur einer Bielefelder Lokalzeitung reagierte, als kurz vor Redaktionsschluss ein verwahrloster Indien-Heimkehrer mit langen Haaren und Sandalen an den Füßen vor ihm stand und irgendwas von Erleuchtung und Journalismus faselte. “Aber der Mann war ein Saufkumpan meines Vaters, und ich bekam meine Chance.” Dass Helge Timmerberg kundige Artikel über Tischtennis-Wettkämpfe verfassen und auch sonst mit dem Wort umgehen konnte, war dann wohl doch nicht genug, zumindest nicht bei der “Neuen Westfälischen” – nach dem Volontariat legten die Kollegen ihm nahe, sein Glück auf einem anderen Feld zu suchen. Beispielsweise das erste vegetarische Restaurant in Ostwestfalen zu eröffnen. Nach zwei Jahren war der Laden pleite, eine Stammkundin von ihm schwanger – und Timmerberg klopfte mal wieder bei einer Zeitung an. Zuerst klappte es als Aushilfs-Theaterkritiker bei der “Wolfenbütteler Zeitung”, dann als Lokalreporter in Braunschweig. Gewiss nicht die große Welt, allerdings befand sich in Timmerbergs Beritt das ehemalige Salzbergwerk Asse, wo damals die Einlagerung von radioaktivem Abfall begann: für ehrgeizige Journalisten eine echten Morgengabe.

“Ich fühlte mich ja zu Höherem berufen”, leitete Timmerberg kichernd die Episode ein, als es plötzlich rapide aufwärts ging mit ihm. Eitel ist er nicht, Ehrgeiz wäre wohl auch das falsche Wort. Aber erleben wollte er etwas, und zwar nicht nur irgendwo zwischen Braunschweig, Wolfenbüttel und Bielefeld. Und Chuzpe hat Helge Timmerberg auch: Nachdem er einen Artikel über Atommüll an den “Stern” geschickt hatte, rief er täglich in Hamburg an, um nachzufragen, ob die Kollegen ihn bringen würden. Sie taten es tatsächlich, wenig später war der niedersächsische Lokalreporter einer der Ihren. Sehr zum Leidwesen des “Stern”-Chefs Michael Jürgs hatte sich Helge Timmerberg aber in den Kopf gesetzt, genauso zu schreiben wie Hunter S. Thompson, neben Kinski noch so ein Idol von ihm. “Gonzo-Journalismus” wurde Thompsons Stil immer ein bisschen verächtlich genannt, weil ihm an Distanziertheit fehlte, was es an Ausschweifung, persönlichen Erlebnissen und gnadenloser Subjektivität im Übermaß gab. Ach ja, Witze waren in den Reportagen beim “Stern” auch nicht gern gesehen, “denn dafür gab es ja die Witzseite”. Also weiter: zum “Playboy”, zu “Lui” und dann zu “Tempo”, wo Typen arbeiteten, die genauso schreiben wollten, wie Timmerberg es vorgemacht hatte: “Für mich war er ein echtes Vorbild – über dreißig und immer noch cool”, erinnerte sich ein ehemaliger “Tempo”-Kollege.

Als es mit “Tempo” bergab ging, war Timmerberg schon längst wieder weg; bei “Merian” hatte er mit etwas begonnen, das heute gewissermaßen sein Markenzeichen ist: Reisereportagen zu schreiben, und zwar solche der grundehrlichen Art. Oder besser gesagt ohne fremdenverkehrstauglichen Kitsch. Anstatt Sonnenuntergänge zu bejubeln, lässt sich der Autor auf seiner Reise “In 80 Tagen um die Welt” von thailändischen Crack-Nutten die Zehennägel stutzen, und das klingt dann so: “Sie schneidet haarscharf vor den Nerven. Meine Gefühle währenddessen sind gemischt. Auf der einen Seite Panik. Auf der anderen Vertrauen. Sie ist ein Profi. Frauen ihrer Szene schaffen in Go-go-Bars an, können aber auch mit Maniküre Geld verdienen oder mit Massagen. Auch Bee, um endlich mal ihren Namen zu sagen, scheint zwei Standbeine zu haben. Trotzdem geht sie mir total auf die Nerven, denn sie ist einfach zu nah dran.”

Nicht alles, was Helge Timmerberg auf den Spuren von Jules Vernes Romanfigur Phileas Fogg erlebt, ist wirklich aufregend. Oft latscht er auch einfach planlos in der Gegend rum, sucht ein Internet-Café ode fragt sich, warum er nach all den Jahren in Hongkong ausgerechnet wieder in der Pizzeria “Angelini” gelandet ist. Aber auch das hat seinen Charme – gerade weil hier nichts beschönigt wird und man sich an eigene sinnlos verbrachte Stunden in den Wartehallen der Flughäfen dieser Welt erinnert fühlt. Außerdem verbirgt sich zwischen mancher Platitude die eine oder andere tiefe Einsicht, und langweilig wird es so sowiso nie. Erst recht nicht, wo Timmerberg sich auskennt – so wie auf Kuba. Wenn er am Beispiel eines Salsa-Konzerts beschreibt, wie verängstigt und entmutigt die Kubaner heutzutage sind, nachdem ihnen ein paar Freiheiten aus den neunziger Jahren wieder weggenommen wurden, ist das Reisejournalismus vom Feinsten.

Dass Helge Timmerberg Kuba-Fachmann ist, dafür gibt es in seiner Biographie übrigens auch eine bizarre Fußnote. Anfang der neunziger Jahre hatte er sich für ein Heidengeld von Franz Josef Wagner engagieren lassen, dem heutigen “Bild”-Kolumnisten damals noch Chefredakteur bei “Bunte”. Wagner hatte einen Narren an Timmerberg gefressen, was wenig verwunderlich ist, denn beide sind von der Persönlichkeitsstruktur und der Berufsauffassung her … Wie soll man es formulieren? Grenzgänger. “Ein wunderbarer Borderliner, Erfinder und Phantast”, sagt der ehemalige “Bunte”-Boss heute über seinen damaligen Reporter. Natürlich wurde Letzterer bei dem People-Magazin auf Dauer auch nicht glücklich, trotz Riesenzimmer, Riesengehalt und der Erlaubnis, im Büro zu kiffen. “Irgendwann ging ich zu Wagner und sagte ihm: “Franz Josef, jetzt ist Schluss, ich mag nimmer.” Es wurde folgender Kompromiss gefunden: Helge Timmerberg schreibt weiter für “Bunte”, kann sich aber seinen Dienstsitz selbst aussuchen. Zuerst war es Marrakesch, zwischen 1995 und 1997 betreute er das People-Resort für “Bunte” dann von Havanna aus. Einfach, weil es ihm dort gefiel.

Wer bei der Lektüre von “In 80 Tagen um die Welt” eine gewisse Melancholie zu erkennen glaubt, liegt nicht ganz falsch: Mit dem Herumreisen ist Helge Timmerberg so langsam durch. Immerhin ist er 56, und ein Hörgerät trägt er auch. Ob das ständige Vagabundieren eine Flucht gewesen sei? “So halbe-halbe. Jeder, der auf Reisen geht, schleppt doch irgendein Problem mit sich herum. Und was mich dabei immer interessiert hat, ist: Wie geht man in unterschiedlichen Kulturkreisen mit ähnlichen Problemen um.” Zum Beispiel während der achzigtägigen Weltreise: Da suchte Timmerberg, der sich als unsteter Geist schon immer schwer damit getan hat, Entscheidungen zu treffen, Rat bei einem indischen Guru. Der gab ihm den Tipp, notfalls eine Münze zu werfen und das Schicksal entscheiden zu lassen. So einfach wie Helge Timmerbergs reisephilosophische Haupterkenntnis, die er am Ende aller Welterkundungen nun für seine Mitmenschen bereithält: “Reitet nie auf Kamelen!” Genau daher rührt nämlich sein Bandscheibenvorfall.

Viel unterwegs
Helge Timmerberg kam im Jahr 1952 im hessischen Dorfitter zur Welt; sein Vater war Fernfahrer, die Mutter Kellnerin. Mit Mühe schaffte er die mittlere Reife und begann danach eine Lehre in einem Handelsunternehmen. Das war aber nicht seine Welt, also trampte er nach Indien. Dort hatte er die Eingebung, Journalist zu werden. Stationen waren der “Stern”, “Tempo” oder “Bunte”. Inzwischen schreibt er hauptsächlich Bücher, soeben erschienen ist die Reisereportage “In 80 Tagen um die Welt” (Rowohlt Berlin). Helge Timmerberg ist Vater von drei Kindern und lebt in Wien, Berlin, Marrakesch und in der Schweiz.

tazzwei, 2. Juni 2008

, 2. April 2015

“Du kommst immer, immer zurück!”

Reisejounalist und Autor Helge Timmerberg ist für sein neues Buch in 80 Tagen um die Welt gereist. Im Gespräch erzählt er von der Einsamkeit beim Reisen, seiner neuen Liebe zu Europa – und warum man sich im Leben nicht alle Träume erfüllen sollte

Interview Timo Nowack

taz: Herr Timmerberg, ihr neues Buch heißt “In 80 Tagen um die Welt”. Sehen Sie sich als moderner Jules Verne?
Helge Timmerberg: der neue Jules Verne wäre ich, wenn ich nie losgefahren wäre. Das habe ich mir auch mal überlegt, ob ich mich irgendwo hinsetze und einfach fantasiere. Aber dann bin ich doch losgefahren.

Wo waren sie überall?

Ich war in Berlin, München, Venedig, Triest, Brindisi, Kreta, Kairo, Bombay, Bangkok, Hongkong, Schanghai, Tokio, Mexiko City, Havanna und Dublin. Die einzige Vorgabe war, innerhalb der 80 Tage zu bleiben und mehr oder weniger an der Route von Jules Verne zu kleben. In Bangkok bin ich zwei Wochen hängen geblieben, in Hongkong war ich dafür nur eine Nacht.

Sie reisen seit 30 Jahren und kannten die meisten Ihre Ziele bereits. Was war spannend daran, jetzt einmal den Schnelldurchgang zu machen?

Spannend waren die Brüche. Zum Beispiel war Mexiko City die Station nach einer Woche Tokio – das ist kulturell ein unglaublicher Unterschied. Als die Kellnerin mir in Mexiko beim Frühstück Kaffee und Bohnen brachte, legte sie mir ihre Hand auf die Schulter – da haben sich meine Härchen hochgestellt. In Tokio würde dir das nie passieren, bei der Distanz, die die Asiaten draufhaben. Immer freundlich, immer lächeln, aber komplette Distanz.

Was gab es noch für entscheidende Unterschiede?

In Mexiko City ist extrem viel Geschichte und Leben in den Mauern. Jeder Hund, der da an die Wand gepisst hat, hat eine Verfärbung hinterlassen. In Tokio oder Schanghai bauen sie nur neu und reiße alles Alte ab. Da sind keine Geschichten mehr in den Städten selbst. Und egal, mit wem du in Asien sprichst, es geht nach kürzester Zeit nur um Geld und Business. In Japan hatte ich wirklich Schwierigkeiten, zu erkennen, wo die Seele des Japaners ist. Da habe ich mich dann auf die Suche nach den Samurai gemacht.

Haben Sie sie gefunden?

Ja, in einer Kneipe. Erst mal habe ich es in Tokio zwei, drei Tage lang gehasst. Auf der Straße guckt dir keiner in die Augen, dafür gibt es in den Cybershops Duschen, und jeder sitzt in seinem schwarzen Kasten und ist irgendwo auf Porno unterwegs. Da habe ich mich so einsam gefühlt wie selten. Bis ich es ins Positive umgedreht habe: Hier konnte ich alleine sein. Denn auf einer so langen Reise ist deine Herausforderung das Alleinsein. Besonders in Ländern wie Marokko oder Indien, wo die Menschen eingebunden sind in ihre Großfamilien, komme ich mir oft vor wie der letzte Dreck. Aber in Japan dachte ich nach ein paar Tagen: Hier kann ich alleine sein, hier ist jeder alleine, hier gehöre ich dazu.

Und wo waren die Samurai?

Ich kam in eine Bar, da saßen supereinsame Gestalten. Es war eine sehr gute Bar: Edelhölzer, Leder, sanftes Licht. Die Gäste saßen aufgereiht an der Theke, alle ganz aufrecht, starr geradeaus, keiner sagte einen Ton. Der Barkeeper schob dir deinen Drink, ein Glas Wasser und den Aschenbecher so hin, dass alles stand wie auf einer Linie. Die Abstände zwischen den einzelnen Objekten waren genau gleich. Da merkte ich, dass alle an der Bar beim Trinken ständig bemüht waren, die Harmonie herzustellen in diesem Dreierding. Auch ich saß vor meinem Rum, Wasser und Aschenbecher und guckte, dass alles richtig stand. Du trinkst also und driftest ab, aber im Zentrum dieser Einsamkeit machst du Zen-Dreiklänge. Da dachte ich: Die sind alle unglücklich hier, aber schau dir an, wie die sitzen! Keiner jammert, die gucken dem Unglück gerade ins Auge – das sind die Samurai.

Was war der schönste Moment für Sie auf der Reise?

Ich saß einen Nacht lang auf meinem Hotelbalkon in Mexiko City und habe nur auf die Straße geguckt, weil ich nicht schlafen konnte – da habe ich mich gefühlt, als wäre ich in Schokoladenpudding gefallen. Mexiko City war sowieso eine riesige Überraschung. Ich habe seit ein paar Jahren das Gefühl, dass ein Ball über den Planeten fliegt, irgendwo runterkommt und das wird dann gespielt. Mitte der Achzigerjahre war das Bangkok und in Europa Barcelona. Jetzt ist es Mexiko City. Die Stadt hat eine besondere positive und hoffnungsfrohe Energie: Die Leute glauben an die Zukunft, in die Stadt fließt plötzlich Geld. An der Atmosphäre auf den Straßen und in den Clubs spürst du, dass die Stadt vibriert.

Angenommen, jemand hat nicht 80 Tage, sondern nur Zeit für einen Kurzurlaub. Welches Reiseziel würden Sie empfehlen? Mexico City?

Ja, aber nur, wenn derjenige Großstädte mag. Denn die Luft dort ist extrem schlecht, die Kriminalität extrem hoch. Es ist eine sehr gefährliche Stadt, die aber ein Wahnsinnsleben in sich hat. Und wer ans Meer will, kann in drei Stunden mit dem Bus nach Acapulco fahren.

Von welchem Ort würden Sie als Urlaubsziel abraten?

Von HongKong, da kannst du nur einkaufen. Und von Kuba war ich extrem enttäuscht. Havanna ist tot. Ich habe Mitte der Neunziger zwei Jahre dort gelebt, und da war eine unglaubliche Stimmung. Jede Woche gab es zwei oder drei Salsa-Partys – das waren die größten Feiern, die ich je erlebt habe. Als ich jetzt da war, hörtest du überhaupt kein Salsa mehr, die Kubaner haben gar nicht mehr getanzt. Aber es waren die letzten Minuten: Als ich weg war, ist Fidel Castro zurückgetreten, und sein Bruder Raul hat sofort Reformen angekündigt. Ich glaube zwar nicht, dass sich seitdem schon viel geändert hat. Aber vielleicht kann man in einem Jahr wieder nach Kuba.

Mit 17 Jahren sind Sie von Bielefeld nach Indien getrampt, und seitdem reisen Sie. Jetzt haben Sie auch noch die Welt umrundet. Erschöpft sich das irgendwann?

Ja, aber nicht wegen der Weltreise, sondern weil ich seit 30 jahren unterwegs bin. Das ist auch ein Thema des Buches: Die Naivität verlässt dich irgendwann. Als ich mit 17 losgefahren bin, habe ich geglaubt, ich komme nie zurück. Nach 30 Jahren weißt du, du kommst immer zurück, immer, immer, immer. Für mich war das Reisen jahrzehntelang die Lösung für alles. Immer wenn etwas passierte, privat oder beruflich, dachte ich: dann gehe ich eben wieder auf die Straße und alles ist okay. Diese Megamacht des Reisens ist für mich gelaufen. Wenn ich Haarausfall habe, werde ich vom Reisen keine Haare bekommen.

Ihr Buch über Indien, Shiva Moon, endete mit den schönen Worten “Scheiße, Mann, an meinem letzten Tag fängt Indien an.” Wie hört denn ihr neues Buch auf?

(Schlägt im Buch nach) “Wenn Gott einen Menschen bestrafen will, erhörte er seine Gebete.” Da muss man aber das ganze letzte Kapitel nehmen: Ich kam nach den 80 Tagen nach Berlin, und ich kam in dem Rhythmus: neue Stadt, nächste Stadt. Und dann hat es mir plötzlich wahnsinnig gut gefallen. Alle Nationalitäten und Völker sind hier. Und die Toleranz in Deutschland ist viel größer als in fast allen anderen Ländern, in denen ich gewesen bin. Ich könnte zum Beispiel in Bangkok kein Restaurant eröffnen, denn Ausländer dürfen da keine Geschäfte machen. In Indien können sie dich für ein Gramm Haschisch mit abgebrochenen Bambusstöcken auspeitschen, bis du keine Haut mehr hast – das passiert. Am Ende dieses Buches steht eigentlich das Finden, das Erkennen: Warum soll ich eigentlich weg aus Berlin?

Und wo liegt die Strafe, wenn die Gebete erhört werden?

In dem Moment, in dem du dir einen Traum erfüllst, hast du ihn verloren, weil er real geworden ist. Aber die Aufgabe eines Traumes ist eigentlich nicht, dass du ihn erfüllst, sondern, dass er dir ständig Kraft gibt. Meist erfüllst du dir einen Traum aber nicht seinen Mythos, nicht das, wofür er eigentlich steht.

Haben Sie trotzdem noch einen Traum?

Beim Reisen eigentlich nicht mehr. Ich habe schon in meinem vorherigen Buch gesagt, das war meine letzte Reise. Jetzt habe ich das wieder geschrieben. Seitdem bin ich aber schon zweimal in der Sahara gewesen, und nächste Woche fahre ich nach Belgrad. Es wird wahrscheinlich nie aufhören. Aber eigentlich träume ich von einem schönen alten Haus mit einem riesigen Garten, Apfelbäumen, einer Hängematte, Hunden, und dass meine Kinder endlich mal Kinder bekommen. Ich träume davon, Profigroßvater zu werden.

Und wo soll ihr Haus mit den Apfelbäumen stehen?

Österreich ist ein extrem schönes Land. Oder ein alter Bauernhof auf der Schweizer Seite vom Bodensee. Es ist wenig Exotisches dabei. Denn in diesen exotischen Kulturen bleibst du immer Fremder, da kannst du machen, was du willst. Ich lebe jetzt mit Unterbrechung seit 15 Jahren in Marrakesch und ich werde dort nie so akzeptiert wie ein Marokkaner, niemals. Das hat auch unheimlich viel mit Geld zu tun: Solange du Kohle hast, ist alles sutsche, aber sei mal pleite in Marokko oder in Brasilien, dann siehst du aber alt aus. Ich denke mittlerweile jedes Mal, wenn ich irgendwo in Europa ankomme: Geil, Europa ist so ein toller Kontinent. 

Helge Timmerberg, geboren 1952 in Dorfitter in Hessen, lebt heute in Marrakesch, St. Gallen und Berlin. Seit er mit 17 Jahren per Anhalter in den Himalaya reiste, hielt es ihn nie lange an einem Ort. Seine stets subjektiv erzählten Reisereportagen veröffentlichte der Journalist und Autor unter anderem in Tempo, Geo und Playboy. Nach Büchern wie “Shiva Moon. Eine Reise durch Indien” und der Reportagen-Sammlung “Tiger fressen keine Yogis”, erscheint am 2. Juni im Rowohlt Verlag “In 80 Tagen um die Welt”.

Hamburger Abendblatt, Kultur & Medien, 13. April 2010

, 31. März 2015

Hin und weg. Ein Autor für alle Himmelsrichtungen

Unrasiert und fern der Heimat

Der Reiseschriftsteller Helge Timmerberg wundert sich seit vier Jahrzehnten rund um den Globus. Am 20. April stellt er sein neues Buch “Der Jesus vom Sexshop” in Hamburg vor. Joachim Mischke traf ihn in Berlin.

Es gibt Menschen, für die ist eine Pauschalreise der Himmel auf Erden. Lecker Büfett, tägliches Handtucheinparken am Pool, am besten schon kurz nach Sonnenaufgang. Einem wie Helge Timmerberg macht das noch weniger Spaß als eine verunglückte Zahnwurzelkanalbehandlung ohne Betäubung. Zwei Tage Jamaika, „all inclusive“, mehr ging nicht. „Man kann sich so ziemlich alles schöntrinken“, aber was zu viel ist, ist zu viel. Die Selbstversuch-Reportage blieb dann eben ungeschrieben.

Beim Gedanken daran kriegt Timmerberg sich auch heute noch nicht ein. Denn solche Geschichten, umweht von einem Hauch spontan ausbrechenden Wahnsinns (und gern auch dem einen oder anderen Marihuana-Wölkchen für die innere Balance), sind seit vier Jahrzehnten sein Metier und Markenzeichen.

Dem Hamburger Zeitgeist-Journalismus, der in den 80ern in dessen Zentralorgan „Tempo“ auf bissig poliert wurde, setzten Spitzenfedern wie Timmerberg, Maxim Biller oder Uwe Kopf mit solchen Alltagsbeobachtungen die hemmungslos subjektiv erzählenden Ich-Tüpfelchen auf. Timmerberg war der, den man mit seiner Gitarre und genügend Gras zum Wegrauchen über irgendeinem gottverlassenen Landstrich abwerfen konnte, der kam immer mit mindestens einer tollen Geschichte zurück. Ihn deswegen „Reisejournalist“ zu nennen wäre in etwa so, als bezeichnete man einen Jaguar E-Type ganz schlicht als „Auto“.

Globetrotter oder Weltenbummler, das beschreibt dieses Unikat viel besser. Seit Timmerberg vor 40 Jahren als Teenager mit einer Handvoll D-Mark und weitgehend ahnungslos Richtung Indien trampte, war er für die Normalität eines Lebens mit Hauptwohnsitz und Rentenanspruch verloren. Und je länger man ihm zuhört oder seine Texte liest, desto lauter wird eine Stimme im eigenen Hinterkopf, die zuerst einmal neidisch „Das will ich auch!“ schreit. Und dann das Gleiche noch mal. Aber lauter.

Inzwischen hat Timmerberg seinen 58. Geburtstag hinter sich, dekorative graue Strähnen in der Späthippie-Matte und im Bart. Mit seiner ungebügelten Hosenträger-Lässigkeit ginge er glatt als Bodydouble des Dude durch, den Jeff Bridges in „The Big Lebowski“ hinreißend verkörperte. Aber die ganz wilden Jahre, die sind vorbei. „Ich akzeptiere jetzt keine Kakerlaken mehr.“ Ein größeres Problem als die kleinen Krabbler: Timmerberg hat Rücken. Bandscheibenvorfall, vor drei Jahren, was langen Fahrten in schlechten Autos über noch schlechtere Straßen einiges vom Reisespaß nimmt.

Dass ihn dennoch so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringt, hat zwei Gründe, die einander bestens ergänzen. Timmerbergs Gemüt ist durch und durch ostwestfälisch. Das steckt stoisch einiges weg. „Damit findet man überall Geistesverwandte, in Österreich die Steiermarker, die Iren, die Afghanen. Die sind halt stur, das ist sehr positiv.“ Außerdem ist Timmerberg schwerhörig, das liegt bei ihm in der Familie. „Aber schwerhörig ist letztendlich auch positiv“, findet er, „weil es dazu geführt hat, dass ich mehr hinschaue als hinhöre. Geredet wird viel – aber Körpersprache, da kannste schlecht mit lügen. Da musst du schon CIA-Spezialist sein.“

Timmerberg war schon so oft in Indien, dass er längst Ehren-Inder sein müsste. Sein Ganges-Buch „Shiva Moon“ wurde als Wegweiser in unzählige Rucksäcke gestopft. Er hat jahrelang in Marokko und auf Kuba gelebt. Das waren jene Jahre, in denen er sich aussuchen konnte, auf welchem Erdteil er seine Klatsch-Kurzmeldungen für die „Bunte“ von Franz Josef Wagner schrieb. Timmerberg ließ sich wöchentlich Infos aus München faxen, dichtete einen Nachmittag und hatte danach genügend Zeit, Geld und Ruhe, um bis zur nächsten Woche durchzufeiern.

Auf die Idee, von Marrakesch aus für eine Amazonas-Reportage nach Brasilien zu fliegen, brachte ihn der Anblick einer „Hard Rock Café Rio“-Lederjacke. Dass er sich die falsche Jahreszeit ausgesucht hatte, merkte er erst vor Ort. Er flog zurück und kam später wieder, um irgendwann mit einigen Goldgräbern aus einem lecken Boot auf ein Krokodil zu springen, das verwirrt flüchtete, weil sich Futter normalerweise anders benimmt. Die Geschichte hat sein Auftraggeber „GEO Saison“ nicht genommen. „Die wollten was, das ihre Leser nachmachen konnten.“

Timmerberg war ein besonders schillerndes Blumenkind seiner Zeit. 1952 in Hessen geboren, in Westfalen aufgewachsen. „Als ich damals wegwollte, lag der Faschismus noch überall in der Luft“, erinnert er sich, „wie man auf lange Haare reagierte oder auf Cappuccino – das ist doch kein guter deutscher Kaffee! Da war Deutschland noch so ein Ding, das wirklich keinem Spaß machte.“

Seine Arbeitsmethode, um Spaß zu haben, ist denkbar einfach: Hinfahren, Augen auf und durch. „Ich flieg immer Oneway, weil ich nicht planen kann.“ Rückflug-Tickets sind für Touristen. Timmerberg will immer wissen, was das Land mit ihm macht. Mitunter kann das dauern, Wochen oder Monate. „Aber wenn ich das rausgefunden habe, hab ich die Geschichte. Unterwegs schreibe ich überhaupt nicht. Was dich wirklich beeindruckt hat, das vergisst du ja nicht.“ Seine Aufpasser in Nordkorea waren darüber sehr verwundert. Die kannten Journalisten nur als Menschen, denen Stift und Block an den Händen festgewachsen waren. „Namen und Hintergründe? Die finde ich doch bei Google. Wenn ich zurückkomme, muss ich eine Nacht schlafen, und dann raus damit.“

Mit zunehmender Meilenzahl auf dem Vielfliegerkonto des Lebens schlich sich hier und da eine leise Melancholie in Timmerbergs Texte. Der Märchenonkel, der konsequent planlose Berichterstatter aus 1001 Ländern, fragt sich immer mehr: Was mach ich hier eigentlich? Warum tue ich mir das an, unrasiert und fern der Heimat? „Wenn ich mich erholen will, dann bin ich zu Hause“, räumt er ein. „Alle interessanten Reisen waren brüllend anstrengend. Gefährlich, ungesund, auch immer mit großem Mist-Faktor.“

Das Interview in Timmerbergs Stammcafé in Berlin-Schöneberg hatte übrigens leichte Startschwierigkeiten. Sämtliche Wände sind dort tapeziert mit Künstlerfotos. Der einzige Künstler, der zwei Stunden fehlte, war Helge. War der Slibowitz, der am Vorabend bei seiner Lesung in der „Bar jeder Vernunft“ als Requisite zum Belgrad-Kapitel ausgeschenkt wurde, zu reichlich? Oder war der Timmerberg-Körper, gerade frisch zurück aus dem Senegal, innerlich noch in einer anderen Zeitzone?

Die Fahndungs-Telefonate hatten sich schwierig gestaltet, weil Timmerberg kein Handy besitzt (die Schwerhörigkeit …). Mehrere Kaffees später tauchte er auf, frohgemut und untröstlich. Große, bärig-tapsige Entschuldigung, die Lesung habe ihn so aufgekratzt, er sei erst um fünf ins Bett gekommen.

Die Frage nach seinem Ruhepunkt ist nicht ganz einfach zu beantworten. Es gibt einen in Berlin, wo seine Freundin lebt, und einen in St. Gallen. St. Gallen? Die Schweiz? „Früher hab ich die Alpenländer gehasst. Aber je älter ich werde, desto besser gefallen sie mir. Und die Schweizer – mein Gott, sind die höflich!“

Bei der Frage, was einen das ständige Unterwegssein über die eigene Heimat lehrt, gerät Timmerberg ins Philosophieren. Dabei blickt er wie ein Leguan beim Sonnenbad aus dem Café-Fenster und versonnen den vielen jungen Damen hinterher. Früher dachte er, Kuba, Marokko, da ist es so viel besser als hier. „Aber es gibt überall Licht und Schatten. Es ist hier auch nicht besser als da. Es ist fast überall gleich. Kein fucking Unterschied.“ Wenn alles mehr oder weniger gleich ist, wo bleibt dann die ultimative Freiheit? „Es gibt die Freiheit des Egos – und die Freiheit vom Ego“, kommt aus dem Bart. „Du bist natürlich viel freier, wenn du nirgendwo hinmusst, um deine Laune und deinen Seelenzustand auf Trab zu bringen. Wenn das alles auch hier geht. Wenn du deinen Hintern nicht bewegen musst, um glücklich zu sein.“ Bei den Afrikanern, da lernt er jetzt genau das. „Die sitzen einfach nur draußen. Die sagen dir, wenn du unruhig wirst, bleib doch mal sitzen. Das machst du dann und merkst, och ja, geht doch.“ Deswegen kam er kürzlich auch zwei Monate nicht wieder raus aus Dakar. „Ich bin einfach sitzen geblieben. Licht ging an, Licht ging aus. Super.“